12. Vergangenheit reflektieren und Zukunft denken

Die Sicherung des historisch-kulturellen Erbes und die Auseinandersetzung damit sind zentrale Aufgaben jeder städtischen Kulturpolitik und -verwaltung. Dabei geht es im Sinne der UNESCOKonvention zum Schutz des kulturellen Erbes aus den Jahren 1972 und 2005 nicht nur um das mobile und immobile materielle, sondern auch um das immaterielle Kulturerbe wie Brauchtum und um digitale Kulturgüter. Die Dynamik einer modernen Stadt wie Linz führt hier zu ganz besonderen Herausforderungen, geht es doch um das nicht immer reibungslose Abstimmen von Interessensgegensätzen einer kulturbewahrenden und einer zukunftsorientierten Stadtentwicklung. Generell gilt, dass die Sicherung des kulturellen Erbes und die Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe nicht nur kulturtouristisch verwertbare Ergebnisse erzielen, sondern vor allem gesellschaftspolitische Anliegen darstellen, mit weitreichenden Konsequenzen, die sich in der Frage niederschlagen, wie die Stadt mit Vergangenheit – auch den dunklen Epochen ihrer Geschichte – umgehen will.

Als eine der „Führerhauptstädte“ hat Linz im Hinblick auf die nationalsozialistische Vergangenheit eine ganz besondere Verantwortung, die Ausdruck im Gemeinderatsbeschluss des Jahres 1996 findet, in dem sich die Stadt Linz zur umfassenden wissenschaftlichen Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus inklusive der Geschichte der Entnazifizierung nach 1945 bekannt hat. Dieser Aufgabe hat sich Linz in den letzten Jahren in vorbildhafter Weise gestellt. Federführend dabei war das Archiv der Stadt Linz, das in einer Reihe von Publikationen und Ausstellungen das Thema Nationalsozialismus sowie seine Vor- und Nachgeschichte aufgearbeitet hat. Diese Verpflichtung gilt selbstverständlich auch weiterhin für das Archiv der Stadt Linz sowie für die übrigen Kultureinrichtungen der Stadt, insbesondere für die Museen der Stadt Linz, das Ars Electronica Center und den Wissensturm, für Aktivitäten der Friedensstadt Linz, aber auch für alle anderen Festival- und Kulturveranstalter. Mit der zentralen Programmlinie „Linz Gedächtnis“ thematisierte das Kulturhauptstadtjahr Linz 2009 die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt in Form unkonventioneller und international besonders beachteter Kunst- und Vermittlungsprojekte.

Anknüpfend daran sind in Zukunft neue Formen der Vermittlung und der Kooperation weiterzudenken. Als Großprojekt ist ein Haus der Stadtgeschichte geplant, das unter der Verantwortung des Archivs der Stadt Linz die Stadtentwicklung von Linz von der Römerzeit bis in die Gegenwart mit einem Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert in Form einer Dauerpräsentation in innovativer Weise aufbereiten und vermitteln wird. Das Haus der Stadtgeschichte will zum Dialog über die Vergangenheit anregen und damit zum besseren Verständnis der Gegenwart beitragen. Es ist das kollektive Gedächtnis der Stadt und spiegelt die gemeinsamen wie auch die unterschiedlichen Identitäten und Erfahrungen der Menschen in Linz wider.

Die bereits gestartete Zusammenarbeit von Archiven, Museen und Gedenkstätten mit dem Tourismusverband Linz soll zukünftig weiter ausgebaut werden. Linz wird so zum Zentrum der Vermittlung von Zeitgeschichte mit qualifizierten Angeboten, die auch Umlandgemeinden und historische Stätten der Region in Form von Kooperationen einbeziehen. Weiters wird das Ziel verfolgt, stadtbezogene Ereignisse, Gedenkorte und Denkmale, insbesondere aus der Zeit des Nationalsozialismus, im öffentlichen Raum deutlicher sichtbar zu machen.

Entscheidend ist aber auch, wichtige Aspekte der Stadtgeschichte über die Zeit des Nationalsozialismus hinaus herauszuarbeiten. Bedeutende Epochen der Geschichte und wichtige Persönlichkeiten, insbesondere Frauen, die bis heute das Bewusstsein und Image der Stadt prägen, sind stärker in den Fokus zu rücken. Hier kommt den Museen der Stadt Linz und dem Wissensturm als Lern- und Bildungsorten eine zentrale Aufgabe zu.

Ein besonderes Augenmerk muss in Hinkunft auf die konsequente Erweiterung der Sammlungen in den Museen der Stadt Linz gelegt werden, vor allem im Bereich der zeitgenössischen Kunst und der Alltagskultur. Mit Bedacht auf die Bestände und deren Erweiterung in den OÖ Landesmuseen sollte die Sammlung des Lentos Kunstmuseum Linz und des Nordico Stadtmuseum systematisch mit Schwerpunktsetzungen weiter ausgebaut werden, um die Attraktivität der Häuser auch in Hinkunft gewährleisten zu können und das Aufgabenprofil der Museen zu schärfen. Damit einhergehend sind auch Forschungsprojekte zu initiieren. Zudem sind eine aktive Provenienzforschung und ein offener Umgang mit deren Ergebnissen für die Museen der Stadt Linz als selbstverständlich anzusehen.

Für die Denkmalpflege stehen ebenso wichtige Projekte an, die auf die Stadtentwicklung insgesamt Einfluss nehmen werden. Die ehemalige Tabakfabrik ist ein international bedeutsames bauhistorisches Industriejuwel, dessen Adaptierung für die Stadt Linz eine besondere Herausforderung darstellen wird. Gilt es doch hier, eine moderne Nutzung mit den Erfordernissen des Denkmalschutzes in Einklang zu bringen. Mit der Sanierung, Renovierung und Umgestaltung zum Haus der Stadtgeschichte wird das Gebäude Pfarrplatz 18 mit seiner bauhistorischenSubstanz nicht nur viel zum Wissen über die Stadtgeschichte, sondern auch zur Vermittlung bauhistorischer Erkenntnisse beitragen. Mit der Installierung einer Onlinedatenbank aller Bauund Kunstdenkmäler hat die Stadt Linz bereits einen wichtigen Informationszugang geschaffen. Die bewusste Auseinandersetzung mit den Denkmälern in der Stadt und der Linzer Baukultur, besonders ab Mitte des 20. Jahrhunderts, soll in Zukunft noch stärker forciert werden.

Zur Sicherung des immateriellen Kulturerbes sind weitere Anstrengungen zu unternehmen. Hier kommt neben den öffentlich zugänglichen Bibliotheken, Bildungseinrichtungen und Museen auch den audiovisuellen Archiven, den im Bereich des Filmerbes tätigen Instituten sowie öffentlich-rechtlichen und nicht kommerziellen Rundfunkanstalten eine besondere Bedeutung zu. Ein Schwerpunkt liegt dabei zukünftig auf der Sicherung des digitalen Kulturerbes, gleichzeitig ist die Digitalisierung bestehender materieller Kulturgüter voranzutreiben.

Zum Kulturerbe gehören ebenso das Brauchtum und die Sprache. Im Sinne der Diversität einer Stadtgesellschaft wie in Linz ist Bedacht auf Dialog und Austausch von Volkskultur-* und Brauchtumsvereinen zu nehmen, wobei dies im Sinne einer Weiterentwicklung im Spannungsfeld von Tradition und Moderne zu sehen ist.

Nicht zuletzt besteht der Bedarf nach einer verstärkten Verankerung von geistes- und kulturwissenschaftlicher Forschung in Linz. Zusätzlich zu den bestehenden Studienrichtungen wie beispielsweise Kulturwissenschaften, Webwissenschaften, Politische Bildung und Mediengestaltung bringt die seit 2011 bestehende Kooperation des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK) mit der Kunstuniversität Linz auch eine Exzellenzforschung in diesem Bereich nach Linz. Auch das Institut für Kunstwissenschaft und Philosophie an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität wird in den nächsten Jahren schrittweise durch die Schaffung von neuen Studienangeboten ausgebaut. Ziel ist es, in diesen Wissenschaftsdisziplinen entsprechende Forschungs-, Lehr- und Studienangebote in Linz weiter zu etablieren [siehe Kapitel „Internationalisierung forcieren“]. Darüber hinaus positioniert sich die Stadt – insbesondere mit dem Wissensturm, dem Deep Space im Ars Electronica Center, den Museen, Universitäten, Bibliotheken, Kulturinitiativen und dem Keplerhaus – verstärkt als Ort des intellektuellen Diskurses und der Vermittlung von zeitaktuellen gesellschaftspolitischen, natur- und kulturwissenschaftlichen Themen.

Maßnahmen:

      • Das Archiv der Stadt Linz realisiert in Zusammenarbeit mit der Kulturdirektion die Einrichtung eines „Hauses der Stadtgeschichte“ als Ort der Identifikation und des kollektiven Gedächtnisses der Stadt mit Schwerpunkt auf dem 20. Jahrhundert und der Zeit des Nationalsozialismus.
      • Das Archiv der Stadt Linz strebt eine Umsetzung des Forschungsprojektes „Geschichte der Zwischenkriegszeit“ in Kooperation mit dem Oö. Landesarchiv an.
      • Der Tourismusverband Linz, das Archiv der Stadt Linz, die Kulturdirektion der Stadt Linz und die Volkshochschule Linz initiieren Kooperationsprojekte im Bereich der Zeitgeschichte, wie zum Beispiel die Entwicklung von Weiterbildungs- und Qualifizierungsangeboten für die Austria Guides.
      • Der Tourismusverband Linz entwickelt in Zusammenarbeit mit dem Archiv der Stadt Linz, Linz Kultur und Linzer Bildungs- und Kultureinrichtungen mehrsprachige, themenspezifische Stadtrundgänge zu naturwissenschaftlichen, gesellschaftlichen, sozialen, historischen, künstlerischen Themen (z. B. Keplers Linz, Bruckners Linz, Stifters Linz, Linz der Zwischenkriegszeit bzw. des Wiederaufbaus, Linzer Industriegeschichte, jüdisches Linz, Stahlstadtkinder, interkulturelles* Linz etc.).
      • Die Stadt Linz bringt eine denkmalpflegerisch sorgsame Adaptierung der Tabakfabrik mit den aktuellen Nutzungserfordernissen in Einklang.
      • Linz Kultur entwickelt in Kooperation mit dem Archiv der Stadt Linz ein Vermittlungsangebot zur Sichtbarmachung der Herkunft von Denkmalen und Gedenkorten im öffentlichen Raum und zur Förderung der Auseinandersetzung damit. Dabei wird die bestehende Denkmaldatenbank laufend aktualisiert und weiterentwickelt.
      • Die Museen der Stadt Linz, das Ars Electronica Center und das Archiv der Stadt Linz verfolgen eine flächendeckende digitale Inventarisierung des gesamten Sammlungsbestandes bzw. aller Archivbestände und sorgen für eine Zugänglichkeit der Daten für eine interessierte Öffentlichkeit.
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