4.4 Linz international: Und jährlich grüßt die Ars Electronica

Auf die Frage, inwieweit Linz international als Kulturstadt wahrgenommen wird, geben die Antworten der interviewten Persönlichkeiten ein relativ einheitliches Bild wieder. Nur vereinzelt findet sich die Meinung, dass Linz international als Kulturstadt gar nicht wahrgenommen wird oder sich die Wahrnehmung nur auf das engere, regionale Umfeld beschränkt. Fast durchgängig wird hingegen die Auffassung vertreten, dass das Image von Linz als Kulturstadt zumindest bis in den deutschen Sprachraum hineinwirkt.

Die internationale Wahrnehmung darüber hinaus ist nach Meinung eines Großteils der Interviewpartner_innen nach wie vor einzig und alleine auf die Ars Electronica und damit verbunden auf den Bereich der Medienkunst beschränkt. Begründet wird dies u. a. mit dem Pionierstatus des Festivals, wobei angemerkt wird, dass andere Städte mittlerweile stark aufgeholt bzw. Linz in dieser Hinsicht überholt hätten. Die Aussagen beziehen sich dabei übrigens überwiegend auf das Festival, nur in seltenen Fällen explizit auch auf das Ars Electronica Center und oder das FutureLab. Weiters interpretiert kann festgehalten werden, dass eine Wahrnehmung von Linz als Kulturstadt in stark eingeschränktem Maße noch über spezielle Formate wie Crossing Europe Filmfestival, Pflasterspektakel, Klangwolke, Brucknerfest, Poesiefestival “Für die Beweglichkeit”, nextComic, Linuxwochen Linz, Triennale, Höhenrausch oder TanzTage bzw. einzelne Kultureinrichtungen wie Lentos, OK, Posthof, KAPU oder Stadtwerkstatt erfolgt, wobei dies von den Interviewpartner_innen zumeist mit dem Zusatz verbunden wird, dass damit in erster Linie spezifische Fachkreise angesprochen werden. Eine weitere internationale Wahrnehmung erfährt Linz auch durch eine immer wieder bemerkbare Bezugnahme auf die Zeit des Nationalsozialismus (Patenstadt des “Führers”).

Festzuhalten ist, dass überwiegend mit temporären Formaten auf die Frage nach der internationalen Wahrnehmung der Kulturstadt Linz geantwortet wird. Linz besitzt wenig international herausragende Architektur – verglichen etwa mit Bilbao oder Bregenz – wobei auch kritisch angemerkt wird, dass dies für das Stadtmarketing viel wichtiger sei als für jene Personen, die in der Stadt selbst aktiv sind.

INFO

Im internationalen Städtewettbewerb versuchen Städte seit einiger Zeit, durch solitäre Architektur den so genannten Bilbao-Effekt (auch: Guggenheim-Effekt) zu reproduzieren. Darunter wird die gezielte Aufwertung von Orten durch spektakuläre Kunstbauten von renommierten Architekt_innen verstanden. Der Begriff geht auf die Entwicklung der nordspanischen Stadt Bilbao in Zusammenhang mit dem 1997 fertiggestellten Guggenheim-Museum des US-amerikanischen Architekten Frank O. Gehry zurück. Nachfolgeversuche, etwa in den spanischen Städten Valencia (Santiago Calatravas Stadt der Künste) oder Zaragoza (Zaha Hadids Brückenpavillon), blieben allerdings zumeist erfolglos, zudem wurde zunehmend Kritik an dieser marketingorientierten Gentrifizierungsstrategie laut.[4]

In einigen Interviews wird darauf verwiesen, dass die Bemühungen der letzten Jahrzehnte, Linz zu einer Kulturstadt zu machen, durchaus Früchte tragen und Linz dabei ist, sich als chice und hippe Stadt oder Vorzeigestadt für die kreative Klasse innerhalb der kleinen und mittleren Großstädte in Europa bzw. der so genannten Second Cities einen Namen zu machen, wobei bei manchen der Eindruck erweckt wird, als hätte sich die Entwicklung etwas verlangsamt oder trete auf der Stelle. Einigkeit besteht darin, dass die Stadt durch Linz09 stärker in den internationalen Fokus gerückt und bekannter geworden ist. Allerdings wird im Gegenzug mehrfach bezweifelt, dass es sich um einen länger anhaltenden Effekt handelt, da das Format der Europäischen Kulturhauptstadt hierfür nur bedingt geeignet scheint. Die Liste vergangener, aktueller und zukünftiger Kulturhauptstädte ist lang.

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Im Merian-Magazin, eine vom Hamburger Jahreszeiten Verlag monatlich herausgegebene Reisezeitschrift, erschien im Februar 2009 in einer Auflage von 100.000 Exemplaren eine Ausgabe zu Linz. Auf 140 Seiten wird über die Kulturstadt Linz und Linz09 berichtet. Einen großen Teil der Ausgabe nimmt dabei die Darstellung des Umlands ein (Nationalpark Kalkalpen, Mühlviertel, Bad Goisern, Donau, Bad Ischl, Dachstein). In den Beiträgen, die sich mit der Stadt auseinandersetzen, schwingt immer wieder die nationalsozialistische Vergangenheit der Stadt und der Image-Wandel seit den 1970er-Jahren mit. Im Vorwort heißt es: “Die Stadt hat sich, nicht erst seit ihrer Nominierung zur Europäischen Kulturhauptstadt, derart ins Zeug gelegt, dass der Beobachter kaum Atem holen kann – selbst der Linzer nicht.” [5]

In den Antworten finden sich auch verschiedene Begründungsversuche für die mangelhafte internationale Wahrnehmung von Linz als Kulturstadt:

  • Das Fehlen kunstinteressierter Medien in der Stadt (z. B. “Falter”).
  • Eine zu geringe Konzentration der verstreuten Bewerbungsstrategien der Kunstund Kultureinrichtungen.
  • Die fehlende Besetzung von Zukunftsthemen (z. B. Akustik im urbanen Raum).
  • Die fehlende Entwicklung von nachhaltigen Plattformen an der Schnittstelle Kunst – Wirtschaft – Wissenschaft.
  • Zu geringe Bemühungen, renommierte internationale Künstler_innen längerfristig an die Stadt zu binden.
  • Eine fehlende Strategie, um international agierende Künstler_innen aus Linz längerfristig in der Stadt zu halten bzw. den Kontakt nicht zu verlieren.
  • Das Fehlen zusätzlicher, international bedeutender Festivals bzw. die fehlenden
  • zusätzlichen Ressourcen zum Ausbau der bestehenden Programme.

Fußnoten

  1. vgl. Stephens 1999, S. 168 ff. und Kramer 2010
  2. Hallaschka 2009, S. 3
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