5. Interdisziplinär arbeiten

Zur Jahrtausendwende entwickelte sich – bedingt durch gesellschaftliche und technologische Neuerungen – eine Dynamik, die Genregrenzen aufbrach und hybride* Kunst- und Kulturformen ermöglichte. Von diesem Prozess, der auch das traditionelle Bild von KünstlerInnen als autonom agierende Subjekte infrage stellte, waren alle künstlerischen Sparten betroffen. Selbst die in den 1980er- und 1990er-Jahren als neue Kategorie etablierte Medienkunst* ist als eigenes Genre mittlerweile nicht mehr fassbar. KünstlerInnen aller Disziplinen integrieren digitale Medien in den eigenen Produktionsprozess. Gleichzeitig erobern kulturelle Initiativen und Vereine das Feld der Bildung und des Sozialen, ermöglichen Eingriffe in beinahe alle Bereiche des gesellschaftlichen Umfeldes und verstehen sich als Teil der Gesamtgesellschaft.

Diesem Befund folgt auch der Wandel des Selbstverständnisses von Kunst- und Kulturschaffenden, der ein Überschreiten der eigenen Genregrenzen sowie eine Auseinandersetzung und ein Kollaborieren mit Wissenschaftsdisziplinen und sozialen Themenfeldern mit sich bringt. Daraus ergibt sich auch eine neue Art des Produzierens, sei es, dass verstärkt inter- und transdisziplinär* gearbeitet wird oder dass KünstlerInnen vermehrt in oft temporären und projektbezogenen Kollektiven gemeinsam agieren und auf diese Weise Neues und Innovatives zustande kommt. Prozesshaftes Produzieren, Intermedialität*, Kollaborationen und Hybridität* sind selbstverständlicher Teil des Kunst- und Kulturbetriebs geworden. So gesehen stehen Kunst und Kultur an der Spitze einer gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die auch in Wirtschaft, Bildung oder Forschung ihren Niederschlag gefunden hat, wo ebenfalls Teamwork, Vernetzung, Kooperation, prozessorientiertes Handeln und Denken sowie Interaktion entscheidend für den Erfolg sind [siehe Kapitel „Vernetzung und Kooperation stärken“].

In Linz gestalten die Ars Electronica, die Kunstuniversität Linz, das Lentos Kunstmuseum Linz, das Nordico Stadtmuseum, das OK Offenes Kulturhaus OÖ und die Landesgalerie Linz diese Entwicklung an vorderster Front mit. Die freie Kunst- und Kulturszene in all ihren Ausprägungen hat gerade am Standort Linz diesen Transformationsprozess* wesentlich mit beeinflusst und in Gang gesetzt. Inter- und transdisziplinäre* Kunstformen sind heute etabliert und werden von unterschiedlichen Szenen und Initiativen weiterentwickelt und ausgebaut. Für Linz ergeben sich aus diesem Befund Chancen und Möglichkeiten, die wesentlich zur Beibehaltung der Dynamik und Modernität der Kulturstadt Linz im internationalen Kontext beitragen können und daher auch von der Kulturpolitik weiterverfolgt werden müssen [siehe Kapitel „Internationalisierung
forcieren“].

Zunächst sind Interdisziplinarität* und Hybridität* als Leitmaximen in den Vordergrund zu rücken, auch wenn sich diese neuen Herangehensweisen im künstlerischen und kulturellen Handeln der einzelnen Akteure und Akteurinnen in unterschiedlichen Abstufungen wiederfinden.  Als Ziel wird daher festgeschrieben, dass sich die Stadt Linz als Beschleunigerin in diesen Bereichen international weiter etablieren soll. Dies kann auf verschiedenen Wegen erreicht werden, etwa durch eine entsprechende Programmierung von Festivals und Kulturveranstaltungen, durch Schwerpunktsetzungen im Förderbereich oder durch einen weiteren Ausbau der inter- und transdisziplinären* Ausbildung von KünstlerInnen an der Kunstuniversität Linz. Die Tabakfabrik als neuer inter- und transdisziplinär* agierender Produktionsort für das freie Kunst- und Kulturschaffen wird hier als Transmitter* eine wesentliche Rolle spielen, wobei dieser neue Stadtraum für Experimente auch die Chance für eine konkrete Umsetzung von gesellschaftspolitischen Zukunftsmodellen bietet [siehe Kapitel „Räume nutzen und schaffen“]. Mit dem neu errichteten Musiktheater am Volksgarten wiederum ergibt sich ein Auftrag in Richtung einer zeitgemäßen Interpretation des Gesamtkunstwerkkonzepts von Oper, Operette und Musical. Auch aufgrund ihrer erweiterten technischen Möglichkeiten kommt dieser neuen Einrichtung der OÖ. Theater und Orchester GmbH eine wesentliche Rolle in Linz zu, sei es durch die Entwicklung von neuen multimedial gestalteten Inszenierungsformen oder in der Vermittlung und Musikpädagogik.

Medienkunst* und digitale Technologien werden im Linzer Kunst- und Kulturbereich auch in Hinkunft eine zentrale Rolle spielen, wenngleich auch unter veränderten Vorzeichen. Längst sind diese Bereiche des künstlerischen Agierens nicht mehr einigen PionierInnen und SpezialistInnen vorbehalten, sondern haben das gesamte kulturelle Feld erfasst. Medientechnologie ist allen Bereichen der Kunst und Kultur immanent. Hier gilt es, neue Entwicklungen und Tendenzen, die international und lokal entstehen, entsprechend zugänglich zu machen. Die Ars Electronica, die durch ihr jahrelanges Bestehen die Verschränkung von Wissenschaft, Forschung, Kunst und Technologie forcieren konnte, hat internationales Renommee erlangt. Mehr als jede andere Institution repräsentiert sie einen umfassenden Ansatz in der Auseinandersetzung mit technologisch-kulturellen Phänomenen. Auch in Zukunft soll die Ars Electronica Impulsgeberin für den Standort Linz sein und dabei vermehrt lokale Potenziale und Verbindungen von Kunst mit Wissenschaft, Forschung und Technologie fördern und entsprechend international vernetzen. Einen besonderen Stellenwert nimmt hier das Ars Electronica Futurelab ein, in dem Medienkunst*, Architektur, Design, interaktive Ausstellungsmodule und Echtzeitgrafik einen Inspirationspool bilden, in dem vorhandenes Wissen verschränkt, die Brücke zur Kunst geschlagen wird und Konzepte entstehen, die uns den Umgang mit der Welt von heute und von morgen erleichtern. Nicht nur der Aspekt der Innovation im Sinne einer wirtschaftlichen Verwertbarkeit soll hier für eine kulturelle Entwicklung maßgeblich sein. Medienkultur, Kunst und Design abseits der „kreativen Wirtschaft“ müssen eine wichtige Rolle spielen, damit sich Linz weiter als medien- und technologiekompetente Stadt positionieren kann. Dabei soll eine kritische Auseinandersetzung mit Technologie, Kunst und Design besonders gefördert werden.

Aber auch die analogen Medien haben sich in jüngster Zeit wieder ins Spiel gebracht, sodass als neuer Begriff die Intermedialität*, die etwa im Leitbild der Kunstuniversität Linz verankert ist, dem historischen Durchbruch der digitalen, vor allem auch interaktiven Innovationen genauso Rechnung trägt wie deren Verbindung mit dem gesamten Repertoire medialer Kommunikations- und Gestaltungsformen.

Als weitere Schwerpunktsetzung im Bereich der Interdisziplinarität* ist am Standort Linz der Designbegriff weiterzuentwickeln. Linz verfügt mit entsprechenden Studienangeboten an der Kunstuniversität und Johannes Kepler Universität über ein hohes Maß an Ausbildungskompetenz, die in Hinkunft für die Stadt noch stärker zu nutzen sein wird. Gestaltungsaufgaben im – um die zentralen Designdisziplinen zu nennen – Mode-, Grafik-, Web- und Interfacedesign* sowie im Industrial Design oder in der ästhetischen (Stadt-)Raumgestaltung können heute meist nur interund transdisziplinär* gelöst und bewältigt werden. Im Bereich Design kommt neben den beiden genannten Universitäten insbesondere der neu geschaffenen Creative Region Linz & Upper Austria GmbH eine zentrale Rolle zu. Die GmbH wird in Hinkunft als Drehscheibe in der Beratung, Vernetzung und Qualifikation der Designszene im Linzer Zentralraum fungieren. Ziel muss es sein, Linz – unter anderem am Standort Tabakfabrik – als Stadt neuer Entwicklungen im Design international stärker zu positionieren, sich gemeinsam mit dem Land Oberösterreich als Open-Design*-Region zu etablieren und die damit verbundenen Wertschöpfungsmöglichkeiten optimal zu nutzen. Davon würde nicht nur der Kultur-, sondern auch der Forschungs- und Wirtschaftsstandort Linz profitieren, insbesondere die Kreativwirtschaft als Schnittstelle zwischen künstlerischem Agieren und kreativwirtschaftlichen Unternehmen, sowie in weiterer Folge die Qualität der Stadtgestaltung und die Baukultur insgesamt [siehe Kapitel „Kunst und Kultur öffentlich machen“].

Reflexion, Diskussion und kritische Auseinandersetzung sind wichtige Bestandteile einer künstlerischen Praxis. Viele Initiativen und Kunstprojekte sind an der Schnittstelle von Wissenschaft, Forschung und Kunst angesiedelt. Versuchsanordnungen, Laboratorien aller Art, empirisch-künstlerische Dokumentationen und Experimente nach wissenschaftlichem Vorbild wurden von KünstlerInnen als Feld des Handelns entdeckt. Dieses Agieren ermöglicht aber auch eine andere Art des kommunikativen Umgangs mit dem Publikum. Die bevorzugten Aktionsfelder für KünstlerInnen sind dabei Wissenschaft, Soziales, Stadtgestaltung, Medien, Ökonomie und Ökologie. Dieser Entwicklung, die auch eine demokratiepolitische Dimension von Mitbestimmung und Mitgestaltung im Sinne einer neuen Zivilgesellschaft hat, soll in Hinkunft sowohl in der freien Kunst- und Kulturszene als auch bei den öffentlichen Einrichtungen noch größere Aufmerksamkeit geschenkt werden.
 

Maßnahmen:

  • Linz Kultur verstärkt die Förderung von freien Kunst- und Kulturprojekten sowie von bestehenden Festivals, die ein interdisziplinäres* Zusammenwirken verschiedener Sparten und Kulturbereiche zum Ziel haben. Linz Kultur verstärkt die Förderung von inter- und transdisziplinären* Projekten und Formaten an der Schnittstelle von Kunst, Kultur und Sozialem, um die künstlerische und kulturelle Auseinandersetzung mit konkreten Lebensbedingungen zu unterstützen. Linz Kultur führt eine Neukonzeption der Kunstwürdigungspreise und Kunstförderstipendien der Stadt Linz entsprechend den Schwerpunktsetzungen im Kulturentwicklungsplan durch.
  • Linz Kultur bekennt sich weiterhin zur speziellen Förderung von Creative Commons* und Projekten, die unter freien Lizenzen stehen.
  • Städtische Kultureinrichtungen und die lokalen freien Kunst- und Kulturinitiativen initiieren Kooperationsprojekte mit Universitäten, der Industrie und mit technologie- und innovationsorientierten Unternehmen.
  • Die Creative Region Linz & Upper Austria GmbH gründet mit PartnerInnen ein oberösterreichisches Communitylab in Linz, das jungen Start-ups, Interessierten und freien Initiativen den Zugang zu fundamentalen Basistechnologien für die konkrete Umsetzung von Open- Design*-Projekten ermöglicht.
  • Die Kulturdirektion der Stadt Linz initiiert ein öffentliches Diskursformat, das in Kooperation mit Linzer Kultureinrichtungen und -initiativen regelmäßig einen Rahmen für inhaltliche mAuseinandersetzungen und interdisziplinären* Austausch zu den Schwerpunktthemen desm Linzer Kulturentwicklungsplans schafft.
Dieser Beitrag wurde unter Kapitel veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.