9. Kunst und Kultur öffentlich machen

Linz blickt auf eine jahrzehntelange Tradition bei Kunst und Kultur im öffentlichen Raum zurück: Den Beginn markieren bis heute international renommierte Projekte wie forum stahl, forum metall und forum design, die Linzer Klangwolken oder multimediale Inszenierungen im Rahmen der Ars Electronica. Nach wie vor prägen freie Kunst- und Kulturinitiativen und freie Medien die Entwicklung der Linzer Szene mit gesellschaftskritischen, öffentlichkeitswirksamen Aktionen und Raumaneignungen – ob in herkömmlicher, audiovisueller oder virtueller Hinsicht. Städtische Open-Air-Festivals wie Linzfest und Pflasterspektakel wurzeln im Anspruch von „Kultur für alle“ mit mniederschwelligem Zugang zu umfassendem und qualitätsvollem Kulturprogramm bei gleichzeitiger Förderung von lokalem Kunst- und Kulturschaffen. Nicht zuletzt setzten Projekte im Rahmen des Festivals der Regionen, des Europäischen Kulturmonats 1998 und des Europäischen Kulturhauptstadtjahres Linz 2009 neue Maßstäbe bei künstlerischen Raumbespielungen in Bezug auf Kunst- und Kulturvermittlung, Partizipation und kritische Reflexion.

Kunst und Kultur im öffentlichen Raum stellen auch in der zukünftigen Kulturpolitik der Stadt Linz einen wichtigen Schwerpunkt dar. Anknüpfend an die bisherigen Erfahrungen sind die zentralen Anliegen, mit Kunstproduktionen im öffentlichen Raum neue Vermittlungszugänge zu schaffen, den Kunst- und Kulturschaffenden offene Stadträume zur Verfügung zu stellen sowie Kunst und Kultur zu einer größeren Öffentlichkeit zu verhelfen.

In dicht bebauten Stadtzonen ist öffentlicher Raum ein knappes, kaum erweiterbares Gut, das sich im Fokus verschiedenster Interessen befindet. Ein gesteigerter Anspruch an die Stadtgestaltung setzt einen äußerst sensiblen Umgang mit öffentlichem Raum im Allgemeinen und beim Nutzen und Gestalten von öffentlichen Plätzen sowie Verkehrs-, Wasser-, Grün- und Gebäudeflächen im Besonderen voraus. Indem der öffentliche Stadtraum gleichzeitig als Ort der Interaktion und Identifikation sowie als Aufenthalts-, Begegnungs-, Kommunikations- und Transitraum funktioniert, werden seine Heterogenität und Multifunktionalität zu entscheidenden Faktoren urbaner Lebensqualität. Um im Sinne eines zeitgemäßen Verständnisses von Urbanität
eine offene, flexible und vielfältige Stadtraumentwicklung und -nutzung und eine ästhetische Stadtgestaltung in Linz zu gewährleisten, sollen durch eine Aufwertung der Linzer Kulturverträglichkeitsprüfung* Kunst und Kultur als wichtiges Element urbaner Entwicklungsstrategien aktiviert werden. Mit dem Ankauf der Tabakfabrik findet sich Linz in der erfreulichen Situation wieder, dass privates Eigentum in einen öffentlichen Stadtraum transformiert wird und sich damit einmalige Entwicklungschancen für die Stadt eröffnen [siehe Kapitel „Räume nutzen und schaffen“].

Um aber auch den politischen, sozialen und ästhetischen Konfliktfeldern im öffentlichen Raum zu begegnen, bewirken partizipative Kunstformen eine aktive Involvierung der Menschen dieser Stadt und eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Phänomenen des Öffentlichen. Linz fördert zukünftig verstärkt Kunst- und Kulturvorhaben, die eine Teilhabe der Bevölkerung an der Gestaltung und Nutzung des öffentlichen Raumes intensivieren. Dabei verlangen diese neuen Partizipationsformen im öffentlichen Raum kulturelle und künstlerische Aktivitäten an der Schnittstelle zum Sozialen, insbesondere bei den Schwerpunktthemen des Linzer Kulturentwicklungsplans wie Interkulturalität*, Kulturarbeit mit und von Kindern und Jugendlichen, Gendergerechtigkeit*, Reflexion des historischen Erbes und Barrierefreiheit im Sinne eines erweiterten sozialen Zugangs [siehe die Kapitel zu „Chancengleichheit erhöhen“, siehe Kapitel „Vergangenes reflektieren und Zukunft denken“].

Anknüpfend an die Theorie der sozialen Plastik* soll durch eine kulturelle, identitätsstiftende Stadtteilentwicklung ein kreatives Handeln initiiert werden, bei dem Stadt- und Naturräume sowie die Gemeinschaft einbezogen und mitgestaltet werden. Auch ein Experimentieren in den Übergangs- und Randzonen von öffentlichen, halböffentlichen und privaten Lebensbereichen in den Stadtteilen soll gefördert werden. Dies setzt ein erhöhtes Bewusstsein und Verständnis für Kunst im öffentlichen Raum voraus, die abseits erprobter Aktivflächen im Zentrum der Stadt passiert und im vielfältigen Zusammenspiel zahlreicher kleiner Impulse breite Wirkung entfaltet. Die Kulturverwaltung forciert daher Maßnahmen, um Kunst- und Kulturinitiativen durch den Abbau von verwaltungstechnischen Hindernissen und Reglementierungen bei der Planung und Umsetzung von Projekten im öffentlichen Raum zu unterstützen.

Als struktureller Rahmen für eine Verstärkung von partizipativen, interdisziplinären* und temporären Kunst- und Kulturformen im öffentlichen Raum müssen in Linz Fördermaßnahmen für Kunst im öffentlichen Raum geschaffen werden. Zukünftig soll ein Fördervolumen für Kunst und Kultur im öffentlichen Raum zur Verfügung stehen, wofür bei Linz Kultur eine entsprechend fachlich kompetente Zuständigkeit als Koordinations- und Vernetzungsstelle eingerichtet wird. Deren Verantwortungsbereiche umfassen das Initiieren von Wettbewerben, die Vergabe von Aufträgen, die Abwicklung von Förderansuchen, die Vermittlung zwischen ProjektträgerInnen, KünstlerInnen, ArchitektInnen und StadtplanerInnen sowie die Zusammenarbeit mit einer internationalen Jury, die österreichische und internationale Kunstschaffende für Kunstprojekte im öffentlichen Raum empfiehlt, und einem beratenden ExpertInnen-Gremium. Darüber hinaus nimmt Linz Kultur eine stärkere Rolle bei der Überarbeitung, Weiterentwicklung und Umsetzung des bestehenden Linzer „Kunst am Bau“-Modells ein.

Mit dem Entwicklungsschritt vom künstlerischen Werk und Objekt hin zu Prozess und Raum wird die Qualität der temporären Installation im öffentlichen Raum besonders erlebbar und förderwürdig. Diese fügt sich zwischen dem intensiven, erlebnisorientierten Moment von Festivals und der permanenten Situation von Skulpturen und Denkmalen als dritte Zeitdimension ein. Bei den Linzer Kunst- und Kulturfestivals soll eine Ausrichtung auf soziale, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit – orientiert an der österreichischen Initiative Green Events Austria – eine zu starke Kommerzialisierung, Konsumorientierung und Ressourcen belastende Eventisierung des öffentlichen Raumes hintanhalten.

Dem Vermittlungspotenzial von Kunst und Kultur im öffentlichen Raum wird in der Kulturstadt Linz ein besonderer Stellenwert beigemessen, was auch insbesondere die mediale Öffentlichkeit und den virtuellen Raum mit einschließt. Mit der Positionierung als Open Commons* Region Linz schafft die Stadt unter anderem durch die Hotspots und den Public Space Server barrierefreie Zugänge zu kostenlosem virtuell-öffentlichem Raum. Einrichtungen wie die Medienwerkstatt Linz vermitteln Medienkompetenz und sind Produktionsorte für nicht kommerzielle Radio- und Fernsehsendungen. Die freien Medien in Linz übernehmen durch usergeneriertes Fernsehen und Radio eine wichtige Funktion bei der Demokratisierung von Öffentlichkeit und bei regionalen Informationskreisläufen. Zugleich spielen sie durch ihre nicht kommerzielle Ausrichtung und partizipativen Formate eine wesentliche Rolle in der Vermittlung und Dokumentation von künstlerischen und kulturellen Inhalten aller Kultursparten und -initiativen. Sie schaffen damit die Voraussetzung für eine zeitgemäße, qualitätsvolle Wahrnehmung von Kunst- und Kulturanliegen. Für das Ziel, in diesem Zusammenhang eine Öffentlichkeit sicherzustellen, sollen neben den freien Medien auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk sowie die kommerziell agierenden Print- und audiovisuellen Medien stärker aktiviert werden. Eine autonome Linzer Stadtzeitung, die redaktionell in der freien Kunst- und Kulturszene verankert ist, kann wichtiges Basiselement für die Vermittlung, Diskursplattform sowie Reflexionsmedium zugleich sein und als Printmedium die freie Medienlandschaft in Zukunft vervollständigen.
 

Maßnahmen:

  • Linz Kultur verfolgt die Neukonzeption der Kulturverträglichkeitsprüfung* im Hinblick auf die Schwerpunktsetzungen des neuen Kulturentwicklungsplans.
  • Linz Kultur entwickelt Fördermaßnahmen für Kunst und Kultur im öffentlichen Raum und richtet dafür eine mit künstlerischer und kultureller Kompetenz ausgestattete Zuständigkeit mit Koordinations- und Vernetzungsfunktion und ein beratendes ExpertInnen-Gremium für Kunst im öffentlichen Raum ein. Damit ermöglicht und fördert Linz Kultur die partizipative Nutzung und temporäre Aneignung des öffentlichen Raums, besonders auch in Form von Stadtteilprojekten jenseits der gängigen zentralen Plätze in der Innenstadt. Bei den städtischen Open-Air-Festivals beteiligt Linz Kultur verstärkt Kunst- und Kulturprojekte im öffentlichen Raum von der freien Linzer Kunst- und Kulturszene.
  • Linz Kultur beteiligt sich verstärkt an der Umsetzung des bestehenden Linzer Modells von „Kunst am Bau“ und entwickelt gemeinsam mit der Magistratsgeschäftsgruppe für Liegenschaft und Bau ein neues Statut für „Kunst am Bau“ zur Beschlussfassung im Linzer Gemeinderat.
  • Die städtischen Kultureinrichtungen und Linz Kultur übertragen das Konzept der österreichischen Initiative Green Events Austria auf Festivals und Veranstaltungen im öffentlichen Raum.
  • Im Rahmen der Open-Data-Initiative der Open Commons* Region Linz stellt Linz Kultur Verwaltungsdaten des Linzer Kunst- und Kulturbereichs zur Verfügung und erweitert laufend das Angebot an veröffentlichten Konzepten und Studien.
  • Die Stadt Linz unterstützt den Prozess zur Etablierung eines monatlich erscheinenden
    unabhängigen Linzer Printmediums, das redaktionell in der freien Kunst- und Kulturszene verankert ist.
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