Marek Gut

Geburtsdatum und Geburtsort?

Marek Gut: 14. Oktober 1978, Krakau in Polen.

Du lebst seit wann in Linz?

Marek Gut: In Linz lebe ich jetzt seit 1998. Ich bin im Alter von vier Jahren nach Österreich gekommen, nach Wien, in Wien eigentlich aufgewachsen und dann aufgrund des Studiums an der Kunstuniversität, Industrial Design, nach Linz gezogen.

Und seit 1998 lebst du durchgehend in Linz?

Marek Gut: Genau, durchgehend.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten und Funktionen übst du derzeit aus?

Marek Gut: Ich habe vor vier Jahren das Designforum Linz gegründet, in dem alle Designer, Designschaffenden involviert sind. Voraussetzung ist, dass ein abgeschlossenes Studium in der Richtung passiert ist, aber ansonsten gibt es keine Kriterien der Aufnahme, sondern es geht eigentlich mehr um einen Zusammenschluss der Personen.

Und das ist unabhängig, welche DesignerInnen das sind?

Marek Gut: Nein, es ist schon spezialisiert auf Produktdesign. Grafikdesign und Mode ist nicht dabei. Das haben wir deswegen so beschlossen, weil wir uns zuerst einmal finden mussten und um eine ziemlich genaue Positionierung zu finden. Zuerst mussten wir einmal wachsen, es kann dann in Zukunft sein, dass diese Bereiche dazu kommen.

Und die Produkte sind eingeschränkt?

Marek Gut: Nein, es ist dann schon so, dass es in alle Bereiche geht, Investitionsgüter, Konsumgüter, Möbel, Industrie, so wie sie in Linz tätig sind, die Personen. Obwohl man schon sagen muss, von der Ausrichtung her, es sind schon sehr viele Investitionsgüter vorhanden, auch damit zusammenhängend, dass Oberösterreich einfach sehr viel in die Richtung produziert und nicht in der Möbelrichtung tätig ist.

Wie würdest du die eigene Tätigkeit am ehesten bezeichnen? Marek Gut, Designer oder Produktdesigner?

Marek Gut: Wir schreiben eigentlich Industrial Design dazu. Wir sind darauf spezialisiert, für den Endkunden zu arbeiten und im Interior-Bereich. Wir konzentrieren uns eigentlich auf den Möbelbereich, aber wenn es dann so ist, dass ein Kaffeemaschinenhersteller zu uns kommt, dann finden wir das genauso spannend, weil es eigentlich so ein klassisches Industrial-Design-Produkt ist und auch dann vom Endnutzer betätigt und verwendet wird und sich auch im Raum, im Kontext des Lebensraumes von der Person befindet.

Zur Einrichtung, zum Designforum, die Gründung war vor vier Jahren, also 2007. Welche Zielgruppen werden durch die Arbeit besonders angesprochen?

Marek Gut: Angesprochen werden sollen alle Personen, die bislang wenig oder gar keine Erfahrung mit Designern haben. Wir sehen das mehr als jene Tätigkeit, dass wir diesen Arbeitsbereich den Menschen näher bringen. Es ist oftmals auch eine Scheu, die mittlerweile eigentlich immer weniger der Fall ist, einen Designer dazu zu holen, weil viele dann glauben, dass da sehr durchgedrehte und weggesprengte Ideen kommen. Für die man auch zuerst einmal zahlen muss, aber immer mehr Unternehmen schon Bescheid wissen, dass wir dann Personen sind, die frei und unabhängig … so in der die Art: Vor lauter Bäumen sieht man den Wald nicht mehr und wir gehen rein und durchforsten ein bisschen einmal, wie haben die Personen bis jetzt gearbeitet … es ist auch nicht nur auf das Produkt konzentriert, wir sind auch Dienstleister. Was können sie an sich herstellen, was für Maschinen gibt es? Bei manchen Sachen glauben Firmen oftmals, das ist schon Vergangenes, das können sie nicht mehr verwenden und wir sehen das dann plötzlich als etwas, was man wieder neu herausholen könnte und arbeiten dann eben genau in diesen Bereichen.

Auf welchen geografischen Wirkungsbereich zielt die Arbeit in erster Linie ab?

Marek Gut: Geografisch ist es hauptsächlich mit Schwerpunkt auf Linz, konzentriert auf Linz, Oberösterreich, aber man muss da schon sagen, eigentlich Linz. Es ist schon so, dass wir im Austausch innerhalb von Österreich sind. So wie ich jetzt zum Beispiel vor zwei Wochen als Vertreter des Designforums eingeladen wurde vom polnischen Kulturinstitut. Da haben die Organisatoren der Vienna Design Week eben angefragt und wir sind dann in einer Gruppe nach Polen gefahren, mit verschiedenen Journalisten, sieben Personen, und haben uns dort vor Ort die Designszene und die Designinstitutionen in Warschau, Krakau und Lodz angesehen. Das war eine Viertagesreise und dann haben wir auch verschiedene Designer ausgewählt, die dann zum Beispiel dieses Jahr bei der Vienna Design Week ein Polen-Special machen – das es dann geben wird. Das heißt, da ist schon auch dieser Austausch. Man muss aber auch dazu sagen, dadurch, dass wir überhaupt keine Finanzierungen beziehen, ist es natürlich so, dass die Aktivität aus freien Stücken passiert und somit natürlich nie so intensiv getätigt werden kann, wie wenn eine Finanzierung dahinter ist. Sprich, jeder Mailverkehr, jedes Wegfahren über vier Tage ist unbezahlt und ist rein auf freier Basis. Das ist langsamer natürlich dann.

Die künstlerischen Disziplinen, in denen das Designforum hauptsächlich tätig ist, ist Produktdesign, Industrial Design. Kannst du kurz nochmals skizzieren, wie weit das wirklich geht, damit man die Abgrenzung hat?

Marek Gut: Man muss dazu sagen, dass wir sowohl mit Manufakturen, mit kleinen Betrieben zusammenarbeiten, holzbearbeitende, metallverarbeitende, glasverarbeitende bis hin zu Strukturen von sehr großen Unternehmen mit mehreren tausend Beschäftigten, Beide Bereiche, sowohl in der Manufaktur als auch in der industriellen Herstellung, haben zwar ähnliche Ziele, aber ganz andere Voraussetzungen in der Umsetzung und in der Vermarktung, also sprich die Grenzen mit den Personen, mit den Unternehmen, mit denen man etwas zu tun hat, sind sehr weit gedehnt. In kleinen Strukturen ist die Umsetzung sehr schnell, weil die Stückzahl der Produktion sehr gering ist, somit sind die Preise der einzelnen Produkte um einiges höher, werden dann natürlich auch als Qualitätsprodukt der Manufaktur eben angeboten, müssen dann aber dann ganz andere Distributionswege auch finden, weil es einfach hochpreisig ist. Im Gegensatz zu Unternehmen zum Beispiel, wie wir für Swarovski sehr viel arbeiten. Wenn es um einen Entwurf von Kristallen oder Kristallleuchtern und dergleichen geht, ist das ein weltweites Massenprodukt, wo es dann um mehrere tausend Stückzahlen geht.

Weil du von wir sprichst, da muss man ein Differenzieren zwischen Designforum und March Gut. Vielleicht dass du da noch kurz die Eckdaten erwähnst, auch das Gründungsjahr von March Gut?

Marek Gut: Ich habe eigentlich nach dem Studium meine Selbständigkeit angefangen und Christoph March war bei mir als Mitarbeiter tätig, bis wir dann gesagt haben, wir sind gleichwertig und sind dann eine Partnerschaft eingegangen, die eigentlich sehr frisch ist, seit dem Herbst letzten Jahres ist es dann von Marek Gut zu March Gut übergegangen, also eine kleine Buchstabenänderung.

Dann würde ich sagen bei den nächsten Fragen behandeln wir beide, also zuerst March Gut und dann das Designforum. Gibt es in Bezug auf die vorhandene räumliche und technische Infrastruktur aktuell einen Handlungsbedarf, d. h. den Wunsch nach quantitativer Erweiterung oder qualitativer Verbesserung?

Marek Gut: Ja, auf jeden Fall. Man merkt innerhalb des Designforums, jeder von denen ist etabliert und hat eigene Kunden, und es ist nicht so jetzt, dass wir uns treffen, um uns gegenseitig zu stützen, sondern es geht mehr um den Austausch und innerhalb des Austausches kommt einfach immer wieder raus, dass Räumlichkeiten ein Thema sind, gerade zu Beginn bei der Prototypenherstellung, in Richtung Werkstätten, das ist immer wieder eine Forderung. Es war auch schon einmal intensiver, wo wir Räumlichkeiten gehabt hätten und dann mussten wir nochmals Maschinen dazukaufen usw., um eine Basisausstattung zu haben. Nur die Problematik, die sich immer wieder ergeben hat, war dann: Wer betreut das Ganze? Wie kann man das aufrecht erhalten? Da ist es dann einfach immer wieder an der Umsetzung gescheitert schlussendlich, wenn jeder dann tätig ist für verschiedene Unternehmen, und das dann aus seiner Freizeit rausnehmen müsste, diese Zeit. Aber das ist einer von mehreren Punkten. Der andere Punkt ist natürlich der grundsätzliche Raum des Designforums. Wir treffen uns bei uns im Büro, also von March Gut, das ist auch die offizielle Adresse des Designforums Linz. Das ist natürlich auch keine optimale Stelle, gerade dann, wenn wir Personen finden für Vorträge, die wir dann einladen, die dann etwa in die Richtung gehen, juristische Unterstützung zum Beispiel oder Know-How oder in Bereiche, die für unser Berufsleben notwendig sind, und wo es dann für diese Vortragenden wiederum interessant ist, die Personen kennen zu lernen, die Designer, weil einfach Kontakte, Netzwerke zusätzlich entstehen.

Wenn man sich das optimal vorstellen würde, dann würde das heißen, für das Designforum zwei Büroräumlichkeiten, in etwa mit angeschlossener, kollektiv zu nutzender und betreuter Werkstätte und mit irgendeiner Anschlussmöglichkeit, das muss jetzt nicht direkt dort sein, aber wo es in unmittelbarer Nähe Anschlussmöglichkeiten gibt für einen größeren Besprechungs- und Vortragsrahmen.

Marek Gut: Genau. Wir treffen uns einmal im Monat, es gibt immer wieder größere Aktionen, die wir dann machen, die sind so plus, minus einmal im Jahr, das heißt das sind nicht Sachen, die man unbedingt nur für sich nutzen muss. Also das wäre dann auch schade um die Räumlichkeiten. Ich denke, dass man so etwas auch sehr gut teilen kann, mit anderen nahestehenden Organisationen. Ich sage jetzt einmal mit dem Architekturforum, oder wenn es dann im Grafikbereich etwas gibt oder dergleichen. Das wäre auf jeden Fall sicherlich sinnvoll.

Mich würde interessieren, wie viele Personen waren in der Einrichtung mit Stand 1. Jänner 2011 insgesamt beschäftigt? Und in welchen Arbeitsverhältnissen (Vollzeit, Teilzeit, freie Dienstverhältnisse, …) befanden sich diese Personen? Wenn ich das richtig verstanden habe, bei March Gut seid ihr zu zweit? Und im Designforum gibt es kein Entgelt für die Arbeit.

Marek Gut: Richtig, zu zweit. Und nein, es gibt kein Geld für die Arbeit im Designforum.

Wenn man ein durchschnittliches Arbeitsmonat oder ein typisches Projekt, je nachdem was besser ist, ansieht: Wie viele Personen sind schätzungsweise auf freiwilliger Basis beim Designforum tätig?

Marek Gut: Beim Designforum sind wir eigentlich meistens zu zweit bis maximal zu dritt. Die dritte Person ist eher beratender Weise tätig. Die Sachen werden entweder zu zweit oder zu dritt entwickelt und ich würde jetzt sagen, im Schnitt ist es für jede Person, sind das dann für das Forum … es gibt natürlich auch intensivere Zeiten, aber in den nicht intensiven Zeiten, plus minus zehn Stunden im Monat für jeden, so in etwa.

Kommen wir zum Hauptblock, zur kulturellen Entwicklung, Situation und Zukunft von Linz. Zu Beginn ein kurzes Assoziationsspiel: Welche Begriffe fallen dir ein, wenn du an “Kulturstadt Linz” denkst?

Marek Gut: Bemüht, noch nicht hundertprozentig einem Vektor folgend. Ein bisschen scheu, es sind schon noch bestimmte Ängste vorhanden. Die Entscheidungspersonen sind selten, also gerade auf politischer Ebene, mit einem Background aus den einzelnen Bereichen, deswegen ist es einfach sehr schwer greifbar für die Einzelnen. Die Stadt kann die Personen nicht halten. Es gibt einige, die sich sehr darum bemühen, aber es sind aufgrund der Menge dann doch verhältnismäßig zu wenig aktive Personen, die das vorantreiben können. Kulturstadt Linz, da hat sich auf jeden Fall in den letzten dreizehn Jahren, seitdem ich in Linz bin, sehr viel getan.

Was hat sich denn deiner Meinung nach getan? Vielleicht innerhalb der letzten zehn Jahre, was ist besonders gut gelaufen deiner Meinung nach?

Marek Gut: Ich glaube, dass die Linzer ein größeres Gespür dafür bekommen haben, sich nicht zu verstecken, sondern auch wirklich offen hinter der Stadt zu stehen und das voranzutreiben. Ich glaube, das Umdenken in der Bevölkerung ist einfach sehr stark, es ist aber wie immer sehr damit verbunden, ob man öffentliche Zeichen setzt und die sind halt meistens architektonischer Art. Weil die Identifikation mit vorhandenen Materialisierungen einfach gleich etwas ganz anderes ist wie mit temporären Ausstellungen oder Inhalten. Ausstellungen, die auch sehr wichtig sind, aber wo man nie über einen längeren Zeitraum die Möglichkeit bekommt, zusammen zu wachsen. Ich glaube, Architektur ist sehr wichtig.

Was denkst du, ist sonst noch besonders gut gelaufen in der kulturellen Entwicklung der letzten zehn Jahre?

Marek Gut: Grundsätzlich, was ein extremer Push war, die Kulturhauptstadt, das ist ganz bestimmt so. Die hatte auch ihre Vorlaufzeit, wo dann 2005 die Räder angefangen haben, sich zu drehen, das heißt, das ist schon innerhalb der letzten zehn Jahre die Hälfte, was da vorangetrieben wurde. Ich glaube, dass es aber dennoch sehr wichtig ist, junge Leute noch mehr zu integrieren, damit sie auch ihren Platz finden, quasi ihre Architektur und somit dann die Bereitschaft der aktiven Mitarbeit größer ist. Ich finde, es ist ein totaler Trugschluss, wenn man dann sagt, Teenager oder 20-Jährige, die dann so in die Richtung “absandeln” oder nur in die Richtung Computergeneration gehen. Man merkt das einfach, auch in größeren Städten, so wie jetzt gerade in Stuttgart, wie viel anders die Zeit im freien Verbracht wird, mit viel mehr Köperkoordination, wo Gurte von Baum zu Baum gespannt werden und Viele darauf herumbalancieren, oder mit den Fahrrädern wirklich herumhüpfen, Skateboard fahren, also diese ganzen Szenen, wo extreme Körpergeschicklichkeit und Community und Zusammentreffen wichtig sind und dass das keine Einzelfälle sind. Wenn man dieser Orte aber alle unterbindet, dann muss einfach irgendwie der Dampf woanders raus. Ich glaube, dass sich das dann fortzieht. Und wenn man merkt, dass man Bereiche für sich bekommt, dann lernt man auch die Stadt ganz anders kennen. Die Stadt hat halt noch immer das Problem dieser Kleinstadtgeschlecktheit, also jedes Blumenbeet muss dann halt schön sein, ein Kreisverkehr muss seine tolle Skulptur bekommen, die nach irgendwelchen Kriterien ausgewählt wird und alles muss schön sein. Es ist kein Platz für das nicht Schöne, das nicht Perfekte und das braucht es im Kulturellen eben auch, das nicht Perfekte, weil erst da können neue Ideen kreiert werden. Wenn alles fertig ist und es scheinbar für manche schön ist, ist die Sache einfach fertig, da gibt es nichts mehr, was man dazugeben oder wegnehmen kann. Und gerade das Unperfekte macht eine Stadt extrem reizvoll und erweiternswert.

Das heißt, wenn wir das noch weiterspinnen, ist das eine Kritik daran, dass nicht genügend Freiräume da sind für bestimmte kulturelle Entwicklungen?

Marek Gut: Nein, ich finde, es sind sogar verhältnismäßig viele Freiräume da, oder sagen wir mal so, nicht Freiräume, es sind sehr viele Räume da. Es gibt sehr viele Ausstellungsräume, wenn ich das Schlossmuseum, das Lentos, das Nordico hernehme, viele kleine und auch wichtige Galerien, oder das Brucknerhaus, das Musiktheater, das Landestheater, das ist ja für eine Stadt mit ungefähr 180.000 Einwohnern schon verhältnismäßig viel. Aber es gibt nicht diese Räume, die irgendwie dreckig sind, es gibt nicht diese Räume, wo man jederzeit rein kann, wenn man es sucht, eine Ausstellung zu machen. Zum Beispiel wir als Designforum möchten jetzt spontan irgendeine Ausstellung machen. Dann ist es nicht so, dass wir jetzt zu irgendjemanden hingehen und sagen: “Hey, das sind jetzt diese Lagerhallen oder das sind jetzt diese Möglichkeiten, lass uns irgendwie dort reingehen und das für einen Monat bekommen.”, auf irgendeine Art und Weise, egal zu welchen Konditionen, das lasse ich alles einmal weg. Aber das gibt es nicht. Man müsste da an irgendeinen Privaten herantreten, dass man das vielleicht bekommt, alle anderen Stationen sind immer darauf ausgelegt, dass es eben Jahresprogramme gibt, dass sie einfach subventioniert werden und dass diese schönen Räumlichkeiten zur Verfügung stehen, wo dann eben alles schon vorgelegt ist. Eine spontane Aktion wird dadurch sehr schnell unterbunden. Und ich glaube, dass genau in einer spontanen Aktion diese Energie fest drinnen ist. Wenn ich jetzt sage, im Designforum, wir werden jetzt in eineinhalb Jahren eine Ausstellungsmöglichkeit haben im Lentos, ist das natürlich auch sehr schön, aber das ist jetzt nicht unbedingt das, was man haben möchte. Gerade auch in diesem Designbereich sind wir an die Zeit und die schnelle Zeitveränderung gebunden und da sind dann eineinhalb Jahre schon eine lange Zeit bis dahin. Und abgesehen davon, bin ich mir nicht sicher, ob das dann die richtigen Räumlichkeiten sind, weil der Designbereich zum Beispiel nichts Museales ist. Es geht nicht darum, dass ich einen Sessel auf ein Podest stelle und um ihn rundherum gehe und sage, wie toll er ist, sondern da müssen einfach 20 Stück sein und die müssen da stehen und die müssen benutzt werden und da muss auf denen geschaukelt werden, ansonsten hat es das Ziel verfehlt, dieses Produkt. Wenn man sich das in anderen Städten ansieht, ich sage jetzt mal Idealstädte, die im Designbereich etwas zu sagen haben, wie Mailand, wie London, wie Berlin teilweise, dann sind das natürlich Großstädte und die haben ganz andere Dimensionen, aber da ist es einfach ganz normal, dass genau solche Räumlichkeiten für spontane Aktionen da sind, diese dreckigen Räume einfach da sind. Und die können dann genutzt werden von Theater über Film bis hin zu sonstigen Möglichkeiten.

Wenn man bei den Städten bleibt, jetzt vielleicht nicht Berlin, Mailand, London. Womit kann Linz deiner Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb punkten, vor allem im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Graz, Salzburg oder Innsbruck?

Marek Gut: Was vielleicht eine abgedroschene Sache ist, aber bis jetzt noch immer nicht genutzt wurde, ist die Donau. Wo hat man die Möglichkeit, einen Fluss zu haben, der quer durch Europa fließt und bei uns mitten in der Stadt ist. Der Hauptplatz ist direkt an der Donau. Wir sehen noch damals vom Forum Design, da ist damals mit Gsöllpointner diese Kunstmeile entstanden, was ja eine sehr gute Aktion gewesen ist und jeder gerne die Donaulände entlang spazieren geht. Aber was ist seit damals passiert? Drei Rosenbüsche sind dazugekommen, mehr nicht. Was ist auf der anderen Seite passiert? Da wurden einfach die Parkplatzfläche nochmals betoniert, damit man immer den Urfahranermarkt hinstellen kann. Diese Zone ist einfach komplett tot, es ist aber eine der schönsten und wichtigsten Zonen, von der Nibelungenbrücke bis zur Eisenbahnbrücke, von beiden Seiten, aber da passiert überhaupt nichts. Und das ist schon etwas sehr Wichtiges, wenn man bedenkt, dass eigentlich … die Donau in Wien spielt auch überhaupt keine Rolle, das ist Transdanubien, da wird nur über die Brücke gefahren. Was halt passiert, ist die Donauinsel, die als Freizeitgestaltung geschaffen wurde, aber ganz andere Grundbedingungen hat. Aber hier einfach ein Beleben des Areals und sei es einfach, im Sommer die Möglichkeit zu geben, bestimmte Abendveranstaltungen zu machen, im kleineren Rahmen oder irgendwie auch sich da zu bewegen. Weiters, wenn man die Donau weitergeht, der Hafen, was passiert mit dem Hafen? Es ist ein schrecklicher Zustand, Hafenbecken werden zugeschüttet. Das geht einfach nicht. Keine einzige holländische Stadt würde sich so etwas jemals erlauben. Jeder würde irgendwie versuchen, dort Wohngebiet anzusiedeln. Das ist genau das Wohngebiet, wo Kunst- und Kulturschaffende sich ansiedeln, die dann später wichtige Wirtschaftstreibende nachholen. Man könnte natürlich auch sagen, das könnte das neue Bobo-Viertel werden. Stattdessen werden Hafenbecken zugeschüttet, Containerhallen aufgestellt und dann kann man sich einfach sicher sein, dass es für die nächsten 70 bis 100 Jahre passé ist, weil da wird sich nichts mehr ändern. Und wenn die danach wegkommen, werden die Hafenbecken sicher nicht wieder aufgemacht, weil das einfach viel zu teuer ist. Und das ist der große Fehler, dass man weiterhin versucht, die Stadt linear aufzubauen, anstatt radial … das geht natürlich nicht, aber eine neue Achse zu finden, und die müsste entlang der Donau laufen, entlang des Wassers. Das ist der große Vorteil an Linz, sein Wasserbezug. Jedes Dorf, das einen See hat, hat super Hotels rundherum, weil sie einen See haben. Wohin fährt man in den Urlaub? Da fährt man an das Meer, weil da das Wasser ist. Wasser ist einfach Anziehungspunkt, es wird aber sehr stiefmütterlich behandelt in Linz, das hat keine große Bedeutung.

Inwieweit denkst du, dass Linz international als Kulturstadt wahrgenommen wird? Und welche geografische Reichweite hat die internationale Wahrnehmung deiner Meinung nach? Glaubst du, dass in Stuttgart jemand Linz als Kulturstadt wahrnimmt?

Marek Gut: Vereinzelnd. Es ist schwer zu sagen. Interessanterweise ist es so, dass … ich weiß jetzt nicht genau, ob in Stuttgart, aber nehmen wir grundsätzlich in Deutschland, wurde das sicherlich in den letzten Jahren … da ist Linz, ich weiß nicht ob als Kulturstadt, aber zumindest immer weniger als Industriestadt wahrgenommen worden. Es ist nicht automatisch, wenn man sagt, man ist aus Linz, dass eine Stahlstadt damit in Verbindung gebracht wird, das ist schon ziemlich, es rückt ab. Kulturstadt … ich glaube weniger, als Kulturstadt, aber schon, dass man merkt, dass da etwas passiert, dass da eine neue Generation ist, die etwas vorantreibt. Ich glaube, zur Kulturstadt fehlt es noch. Es ist einfach so, man hängt sich an bestimmten Größen auf und man hängt sich an Namen auf und dazu werden noch zu wenig internationale Namen dazu genommen. Einzelne Personen, die dann zum Beispiel bestimmte Ausstellungen haben, die etwas Besonderes sind, die nicht als Wanderausstellung konzipiert sind und dann halt weiterwandern, sondern eine bestimmte Aktion auch hier gestartet wird und hier auch bleibt. Linzer haben oftmals das Problem: Na ja, wir haben hier eh auch so viele gute Leute, wir brauchen keine von außen. Das stimmt auch, das kann ich unterzeichnen, aber die Sache ist die, dass wir nicht so wahrgenommen werden. Wir haben auch die Möglichkeit, uns aber genau zu diesem Zeitpunkt dann zu präsentieren. Sprich, es müssen mehr Leute für Linz aus dem Kulturbereich interessiert werden, dass sie hier her kommen. Das ist zum Beispiel wie eben in Polen, in Lodz, das ist hundert Kilometer östlich von Warschau. Das war immer eine Textilstadt, Anfang der 1990er-Jahre sind die Fabriken immer mehr leer geworden, alles ist nach China gegangen. Da stehen viele wunderschöne Fabrikhäuser, Ziegelbauwerke, und es war immer eine Filmstadt, die Filmproduktion von Polen. Und so ist einer der Leiter in der Filmklasse David Lynch, und der hat auch seinen letzten Film dort gedreht. Dann sind da Personen, natürlich vereinzelte Personen, aber die sind auf irgendeine Art und Weise auch irgendwie an die Stadt herangezogen worden und haben durch verschiedene Projekte die Stadt dann zu schätzen gelernt und sind dann ganz wichtige Träger nach Außen und Vermittler. Die haben ja komplett andere Netzwerke in ganz anderen Dimensionen, das ist auf internationalen Bühnen, das fehlt einfach in Linz, interessante Personen für Linz zu begeistern. Ich glaube, das ist nicht die einzige Möglichkeit, aber es ist eine der wichtigen Situationen, nicht nur Studenten heranzuholen nach Linz, die dann gut auszubilden und dann zu merken, ok, sie wandern dann irgendwann aus, sondern schon qualifizierte Personen, die irgendwo anders studiert oder gearbeitet haben, und plötzlich stellen sie fest, nein ich möchte zum Beispiel in Linz leben. Aber wie kann man das schaffen oder wieso sollen sie nach Linz kommen? Das kann nur sein, wenn du eine Infrastruktur geboten bekommst, wo du dann sagst, das ist der Lebensraum, den ich genieße, weil ich die Möglichkeit bekomme, einfach aus der Stadt rauszukommen, eigentlich bin ich im Grünen. Ich habe die Möglichkeit, da irgendwie in den Wald raus zu fahren, ich habe die Möglichkeit, am Wasser zu wohnen, ich habe die Möglichkeit, verhältnismäßig günstig zu wohnen, bin an einem guten Knotenpunkt, wo ich eigentlich überall in die nächsten größeren Städte, die irgendwie wichtig sind, innerhalb von zwei Stunden mit dem Auto komme, aber ich muss auch eine gute Flugverbindung haben, ich muss eine gute Zugverbindung haben, ich muss schnell herein und wieder raus kommen können, das wäre ein Vorteil.

Mich würde ein Resümee von Linz09 anhand von maximal drei Punkten interessieren?

Marek Gut: Grundsätzlich sehr gut, dass es stattgefunden hat. Es hat bereichert, es hat einen positiven Schwung in die Sache gebracht und es wurden auch sehr viele Sachen für 2009 gebaut. Das ist ein Punkt. Der zweite Punkt ist der, den ich bekritteln muss, dass die Konzentration zu sehr auf Kleinteiligkeit war. Man könnte natürlich auch sagen, dadurch hatte jeder ein Programm, aber es war nie etwas Herausstechendes dabei, die großen Aktionen haben eindeutig gefehlt. Der dritte Punkt ist, dass sehr viel auf Theater und Musik konzentriert war und Architektur, Design oder Musik, zeitgenössische Musik, wurde komplett weggelassen eigentlich. Hätte sich das Designforum nicht eingebunden und darauf gepocht, dass wir etwas machen wollen, hätte überhaupt nichts im Designbereich stattgefunden. Obwohl wir hier ein Industriestandort sind. Wenn man das Radio einschaltet, hört man quer durch die Bank Szenemusik, die zu – traue ich mir zu sagen – 70 Prozent aus Oberösterreich kommt. War auch nicht der Fall, dass da irgendetwas Spezielles in diese Richtung organisiert wurde. Das heißt, die Punkte, die Linz ebenfalls ausmachen, in diesem Freie-Szene-Bereich, wurden nicht aufgenommen.

Wie schätzt du das Verhältnis von Hochkultur – Subkultur – Volkskultur in Linz ein?

Marek Gut: Die Volkskultur kann ich jetzt nur in dem Sinne aufgreifen, wie der Umgang mit Ernährung ist. Ich sehe das dadurch, da ich mich nicht damit befasse … also auf einer anderen Ebene, biologische Ernährung usw. Dieses Biothema, das einfach dazu übergegangen ist … wo das Bewusstsein der Bauern sehr stark vorhanden ist, im Mühlviertel speziell. So sehe ich das, das ist für ein Weiterleiten des Traditionellen in das Jetzige. Ansonsten ist es natürlich auch sehr stark politisch geprägt, so nehme ich das einfach wahr, was die Identifizierung beinhaltet, was für mich manchmal sehr fremd ist. Subkulturen an sich, das ist vorhanden, war aber schon einmal stärker, wenn ich das jetzt irgendwie betrachte. Organisationen wie die Stadtwerkstatt oder die KAPU, die als klassische Subkultur positioniert sind, und der Posthof sollte es eigentlich auch sein, diese Institutionen haben meiner Meinung nach schon an Energie verloren. Ich muss auch sagen, speziell die Stadtwerkstatt finde ich sehr enttäuschend, Posthof ebenfalls und KAPU hat einfach schon immer ihre Berechtigung, weil sie irgendwie in Wellen konstant arbeiten, die hat einfach noch einen ganz anderen Zugang zusätzlich. Von dem her es war schon mal stärker. Hochkultur, das ist ein bisschen schwer zu beantworten. Ich finde nicht, dass da etwas Spezielles ist. Es verfolgt eigentlich diesen generellen Trend der Vielseitigkeit, hat aber jetzt nicht irgendwie eine speziell herausstechende Position. Wird vielleicht jetzt dann noch durch das Musiktheater ein bisschen verstärkt, das da nochmals Musik und Tanz in die Richtung verstärkt werden, aber es ist, glaube ich, nicht unbedingt das richtige Zeichen.

Wenn du einzelne künstlerische Disziplinen wie Malerei und Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie usw. dir ansiehst: Wo würdest du meinen, wäre in der Stadt noch Entwicklungspotenzial vorhanden?

Marek Gut: Ich glaube, dass das im Film sicherlich der Fall ist. Es ist für mich jetzt ein bisschen schwer der Einblick, aber während meines Studiums war die visuelle-experimentelle Klasse mit Lachmayer sehr stark und sehr experimentierfreudig. Ich glaube, dass dieses Medium … man sieht das auch durch die Wandlung des Internets zu immer stärkerer Visualisierung, zu bewegenden Bildern, jeder hat sein iPhone, sein Smart-Handy. Ich glaube, dass da sehr viel Kommunikation über Bilder läuft, das finde ich, hat jetzt zum Beispiel sehr nachgelassen. Es ist schwer, weil manche sagen, es gibt überall einen Nachholbedarf und da muss ich genauso sagen, im Industriedesign ebenfalls. Das hat aber auch sehr viel damit zu tun, dass die Kunstuniversität nicht mehr so läuft wie sie laufen sollte. Die wird einfach auch nicht mehr wahrgenommen. Das ist einfach nicht wahr, wenn man sagt, dass ist zu Klein oder weil es auf drei Standorte verteilt ist – was sowieso ein Blödsinn war und noch immer ist, egal, wie man es dreht oder wendet. Aber das war auch der Fall vor zehn Jahren und da gab es schon irgendwie mehr Aktionen, auch innerhalb der Studenten. Man merkt, diese ganzen Unifeiern, die wirklich groß angelegt waren, und wo sich die einzelnen Klassen fast gematched haben, wer die coolere Party macht mit den besseren Ideen. Ist auch nicht mehr der Fall, und das heißt, es ist schon irgendwie ein bestimmter Spirit an der Kunstuniversität nicht mehr so stark vorhanden. Jeder ist auch irgendwie wirtschaftlich orientiert und es ist quasi keine Zeit für alles andere. Deswegen, herausheben oder wo Nachholbedarf ist … ich könnte nicht einmal sagen, was herausstechend ist. Auch wenn jetzt die Architektur ihr Forum hat und das sehr wichtig ist, mangelt es wiederum daran, dass das Architekturforum, bestimmte Personen, nicht in bestimmten Kreisen integriert sind, in Entscheidungsgremien, und die Architektur der Stadt überhaupt kein Markenzeichen setzt. Da ist eigentlich genauso nichts da. Wenn ich das zum Beispiel vergleiche mit dem Architekturforum in Innsbruck, das ist ein Wahnsinn. Die haben sich schon richtig positioniert, da wird kein öffentliches Gebäude mehr gebaut, ohne dass das Architekturforum involviert ist, und zwar nicht nur, damit sie sehen, wie das aussieht, sondern direkte Entscheidungsträger mit dabei sind. Das heißt, sollte es eine Konzentration geben, damit etwas heraussticht? Das ist jetzt dann der Fall mit Tanz, Musik usw., wenn man da halt ein riesiges Gebäude hinstellt. Es stellt sich dann wieder grundsätzlich die Frage, wenn man eine Stadt ist, zwischen Salzburg und Wien, ob das die richtige Positionierung ist, wenn wir mitten in der Industrie sitzen. Dieses verschämte Verstecken der Industrie ist auch ein großer Fehler. Es gibt im Prinzip überall Nachholbedarf.

Weg von den Disziplinen und hin zu Themen. Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen?

Marek Gut: So wie ich gesagt habe. Optische Identifikationsmerkmale, sprich Landmarks sind extrem wichtig, und in diese Richtung gehend. Ich glaube, das ist auch eine Frage, wie ich die Stadt strukturiere. Ich glaube, der große Vorteil von Linz ist einfach, dass man nicht unbedingt angewiesen ist auf ein Auto oder dass man Strecken einfach schnell bewältigen kann von A nach B. Grundsätzlich, dieses Öffnen für noch mehr Fahrradwege und dergleichen ändert auch eine Denkweise und ein Betrachtungsbild innerhalb der Stadt. Ich glaube, dass grundsätzlich mehr das Leben nach außen oder auf die Straßen, in die Stadt, auf die einzelnen Plätze, egal über welche Bereiche, schon sehr sinnvoll wäre. Das verbindet dann eigentlich alle Bereiche. Sobald man irgendwie die Möglichkeit einer Bühne hat, die bespielt wird, ist automatisch Platz für Musik, Tanz, Theater usw. da. Ich glaube, gerade wenn man irgendwie etwas gestalten will, bilden will, muss man es den Leuten noch näher bringen und es nicht in Gebäuden verstecken. Damit wird automatisch eine gewisse Scheu schon genommen, diese Hemmschwelle, irgendwo rein zu gehen: Das ist nichts für mich, weil das ist angewandte Kunst, da kenne ich mich nicht aus. Die Wenigsten kennen sich aus, aber es geht darum, das zu spüren, zu erleben. Es beruht ja auch auf einer emotionalen Ebene und es geht dann darum, wie schaffe ich es Emotionen in die Stadt sichtbar reinzubringen? Ein weiteres Thema: Ich glaube, wir haben den Vorteil der Industrie und den soll man als Vorteil nehmen, und zwar in Forschung und Entwicklung, und hier meine ich im speziellen Materialtechnologie, Materialentwicklung. Ich glaube, dass sich Oberösterreich auch sehr stark mit erneuerbarer Energie auseinandersetzt, noch immer viel zu wenig umsetzt, also eigentlich gar nicht umsetzt, jetzt im Verhältnis dazu, was man machen könnte, aber diese Kombination, dadurch, dass so viele große Unternehmen sind, die eben die Möglichkeit haben, Materialien zu erforschen, ist einfach etwas, wo man sich positionieren könnte und somit hat man eine Materialbibliothek, die Linz aufstellen kann. Von dem kann dann wirklich jeder profitieren, auch jeder Kunstschaffende, weil wenn ich mich jetzt mit bestimmten Themen auseinandersetzte, dann kann ich darauf zurückgreifen und hier dann die Verbindung setzen von etwas industriell Gefertigtem und von etwas, was umgesetzt wird. Oftmals ist es so – natürlich spreche ich immer auf der Ebene des Designs – dass Materialien entwickelt werden, ohne dass die Unternehmen wissen, was sie damit machen sollen. Es ist einfach durch Zufall entstanden, das passiert sehr oft und man hat aber keine Verwendung dafür. Und wenn man hier die Freigeister an die Materialien heranschafft oder näher bringt, könnten einfach ganz neue Sachen entstehen, wo niemand irgendwie daran gedacht hat, dass man es für so etwas überhaupt verwenden kann. Dann schließt sich wieder der Kreis, zu diesen emotionalen Landmarks, die da wieder bindend sind. Ich glaube, dass das eine Art der Kultur ist, wenn man da diese Forschung, diese Neugierde nach Neuem in diesen wirtschaftlichen Kontext reinmischt und miteinander vermischt.

Zu den einzelnen Themenbereichen. Zuerst zu Netzwerke, Kooperationen, Zusammenarbeit.

Marek Gut: Ich wurde von der Kreativwirtschaft Wien eingeladen, die eine Studie in Auftrag gegeben haben, welche Gruppen innerhalb von Österreich am besten vernetzt sind, welche Bundesländer untereinander vernetzt sind, welche Schnittstellen das waren, Diagramme. Es ist etwas sehr interessantes für mich dabei herausgekommen, dass es in Oberösterreich sehr viele Netzwerke gibt, die funktionieren, aber die funktionieren alle wie einzelne Biotope, jeder unter sich, und die Verbindungen zueinander fehlen komplett. Das hat man richtig gesehen, diese Dichtheit, aber untereinander war fast gar nichts vorhanden, also innerhalb der Disziplinen. Das heißt, dass diese Energien da sind, aber jeder kocht schlussendlich sein eigenes Süppchen und natürlich die Konzentration auf Linz, ist klar, weil hier einfach die Ballung ist der einzelnen Disziplinen, aber bei der Größe, wie Linz es ist, dürfte das einfach überhaupt nicht so vorhanden sein.

Wie sieht es aus mit dem “Design-Biotop”, von der eigenen Perspektive ausgehend? Kannst du die Zusammenarbeit mit anderen Netzwerken, Einrichtungen kurz beschreiben, aus Sicht des Designforums? Welche Erfahrungen, positive und negative, hast du gemacht? Wo sind die Grenzen der Zusammenarbeit aus der Perspektive des Designforums?

Marek Gut: Ich glaube, Grenzen gibt es einmal grundsätzlich keine. Es hängt immer von Themenbereichen ab, wo man besser zusammenpasst, damit es eine stimmige Sache ist oder wo man bei einem bestimmten Projekt nicht zusammenarbeiten kann. Für mich persönlich ist es eine sehr große Bereicherung, aus diesem Pool zu greifen, weil es einfach ganz andere Gedankengänge sind und ganz andere Herangehensweisen und Strukturen, aus denen man immer nur dazulernen kann. Dadurch, dass ich auch ein sehr stark visueller Typ bin, ist alles, was bildende Kunst schafft und macht und umsetzt für mich eine extreme Bereicherung. Plastik, total.

Gibt es irgendwo künstlerische Disziplinen in Linz, wo du dir gedacht hast, da könnte die Zusammenarbeit noch optimiert werden?

Marek Gut: So, wie ich das jetzt gerade gesagt habe, zum Beispiel Bildhauerei. Warum sind Design und Bildhauerei nicht viel enger beieinander? Die ehemalige Metallklasse Raum- und Designstrategien, die früher enger waren, aber nur über die Studenten, nicht über die Professoren, das ist ja eigentlich das interessante, dass hier eine sehr enge Beziehung stattgefunden hat, obwohl die Professoren, wie wir wissen, nicht ganz so gut aufeinander zu sprechen waren. Aber ich sage jetzt mal so, das sind dann gleich einmal die klassischen Bereiche, die Keramikklasse, wir haben noch eine Keramikklasse, welche Kunstuniversität hat das noch? Es wird ja fast alles aufgelassen, nicht einmal Wien hat mehr eine Keramikklasse. Das ist für Designer das Um und Auf im Geschirrbereich, Augarten und Rosenthal oder wie sie alle heißen basieren darauf, arbeiten mit Designern zusammen und können auch nur deswegen existieren, weil das Material, das Wissen und die Designer da sind. Das heißt, da geht es schon um konkrete Produkte, die gemacht werden können. Bildhauerei, das Spielen und Suchen nach Formen, die Möglichkeit des Ausnutzens des Studiums selber und dann auch noch darüber hinaus, später, dass man eben nicht auf das Bewährte zurückgreift, sondern dass man eine Spielwiese hat und das kennenlernt, wie ist die Herangehensweise der Bildhauer, wenn sie mit einem Material anfangen, was ist der Gedanke dahinter, die Ideologie? Da weiß ich überhaupt nichts darüber, was hier passiert. Das sind schon sehr nahe, wichtige Bereiche, die da anscheinend … da sind wir selber Schuld daran. Es ist ja nicht so, dass man irgendjemand anderen die Schuld zuweist, aber es stellt sich die Frage, wieso ist das so?

Wie beurteilst du die Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Kultureinrichtungen und NGOs/NPOs bzw. Einzelpersonen aus dem Kunst- und Kulturbereich in Linz? Und wie schätzt du die Einbindung bei städtischen Kulturveranstaltungen ein?

Marek Gut: Es ist ganz eigen und zwar aufgrund dessen, dass ja eigentlich diese großen Institutionen an sich genug Selbstwert haben müssten, u. a. diese kleineren heranzutreten, um offene Diskurse zu führen: Aus welchem Bereich kommt ihr, welchen können wir abstecken? Mir kommt es eher so vor, dass jeder einfach wenig hat und aus dem Wenigen viel rausholen muss, sprich die meisten Budgets müssen eigentlich in die Erhaltung der Gebäudestrukturen hineinfließen. Das Budget der Programme ist einfach sehr gering, die müssten dann nochmals aufgeteilt werden. Somit passiert es nicht selten, dass die Qualität der Ausführung und der Präsentation sich dann schlussendlich auf einem ziemlich ähnlichen Level treffen. Wo man dann sagen müsste, diese großen Gebäude müssten dann schon um einiges mehr bieten, an Ausstellungsdesign, auch wenn man einlädt und zu welchem Thema. Die Themen werden bei den großen Museen auch total flach. Das ist so, wo man sich denkt: “Ok, ist es jetzt einfach, damit man Programm macht und nicht leer ist oder ist das wirklich der Inhalt, den man präsentiert?” Als kleiner schafft man natürlich keine größeren Sachen, aber durch das persönliche Engagement hat das dann auch Hand und Fuß. Aber die Qualität und die Umsetzung ist dann oftmals nur aufgrund der Größe der Räumlichkeiten unterschiedlich, aber nicht unbedingt was die Inhalte betrifft.

Letzte Frage. Wenn die tägliche Zusammenarbeit zwischen den Kunst- und Kultureinrichtungen in Linz betrachtet wird, insbesondere hinsichtlich des Einsatzes von personellen oder materiellen Ressourcen: Wo ergäben sich deiner Meinung nach sinnvolle Synergien? Welche Maßnahmen könnten hier gesetzt werden?

Marek Gut: Ich glaube, so flach das klingt und oftmals auch versucht wurde, aber nie eigentlich auf den Punkt gebracht wurde, dass ein Zusammentreffen auf einer Internetplattform, wo wirklich fein säuberlich alle Programme, Programmfelder, Aktionen, die gesetzt werden oder wurden, wo alles schön aufgelistet ist und zusammentrifft, eine gute Sache wäre. Wenn man eh schon so klein ist in der Stadt und heute möchte ich etwas machen, dann möchte ich einfach die Möglichkeit haben, dass ich eine Internetplattform habe, wo ich eingebe, heute ist der 16. März und was ist überall? Also wirklich über alle Institutionen, über alle Genres hinweg, wo ich dann die Übersicht habe. Und nicht, dass es zuerst als Aktion gestartet wird und dann irgendwie einschläft, sondern wirklich als verpflichtende Sache, die Eintragung der ganzen Programme. Das ist, wo man alle irgendwie zusammen verbinden muss. Das ist das erste. Dann ist es so, dass ich mich zum Beispiel für Musik interessiere und erfahre, was heute im Posthof ist, aber zugleich erfahre ich, dass in Wirklichkeit etwas im Landestheater wäre, was mich genauso interessiert, obwohl ich gar nicht nach dem Landestheater gesucht habe.

So etwas wie der Falter? Ist linztermine.at da zu wenig?

Marek Gut: Ist zu wenig, es ist auch sehr uninteressant aufgebaut. Das ist eine Struktur, die aufgebaut wurde und einige Jahre zurückgreift und nicht mehr aktuell dem entspricht, wie man heute mit solchen Programmen arbeitet, eine reine Kalenderfunktion.

Ok, danke. Ist dir noch etwas abgegangen? Willst du mir noch etwas Wichtiges mitteilen?

Marek Gut: Weil auch ein Punkt jener der Integration und Immigration war. Mir scheint es seltsamer Weise in Linz so, dass wenige Personen, die nach Österreich kommen, dann wirklich in Linz bleiben. Trotzdem ist es irgendwie so, im Allgemeinen, dass es an sich mit der Zeit natürlich greift. Und ich glaube, wenn man es jetzt auf Kunst- und Kulturbereiche umlegt, ist es sehr wichtig, dass auf irgendeine Art und Weise junge Menschen mit Migrationshintergrund … ich kann nicht sagen, wie und es soll auch nicht als eine Art der Weltverbesserung sein, tun wir was Gutes … aber auf irgendeine Art und Weise, diese Personen hier stärker auch in diese Bereiche einzubeziehen. Und es können dann durchaus auch andere sein, stärker in den Musikbereich etwa. Es ist total wichtig, dass diese Personen mit integriert werden, weil sie ja dann schlussendlich nach außen strahlen und dann auch nach Außen etwas Neues vermitteln. Das ist genauso, wie ich eigentlich sehr gerne hervorhebe, dass ich gebürtiger Pole bin, dass man das einfach mitbekommt, dass Leute, die nicht in Österreich geboren sind, sich genauso auch für diese Heimat einsetzen und sich hier sich machen müssen, wollen und können. Das ist ja auch der Fall, weil Heimat ja auch damit in Verbindung gebracht wird, dort wo mein soziales Umfeld ist. Dann ist es automatisch Heimat. Sprich den Personen eigentlich ein Umfeld zu geben, das dann nicht etwas Externes ist, sondern wirklich die Integration in diesen Kunst- und Kulturbereich ist sehr wichtig und nicht außer Acht zu lassen.

Willst du noch irgendetwas mitteilen, was dir im Zusammenhang mit der Erstellung des neuen Kulturentwicklungsplans wichtig erscheint?

Marek Gut: Ja, und zwar glaube ich, man sollte sich, dass das ja scheinbar alle zehn Jahre entwickelt wird, durchaus trauen, einen Fokus zu setzen, also man kann es sowieso nicht jedem Recht machen, in allen Bereichen. Ich glaube, wenn man immer wieder alle zehn Jahre ein bisschen einen verstärkten Fokus in eine Richtung setzt und den auch nach außen zeigt, dann kann es einfach nur gut sein, weil ansonsten wird das halt automatisch schwammig. Dass jeder Unterstützung braucht und möchte usw. ist eh klar, aber ich glaube, wenn man aus dieser Evaluierung das herauspickt, was am stärksten herauskommt, dann soll man das auch wirklich als Allerstärkstes nehmen, auch wenn es eigentlich ein Bereich ist, wo man sich denkt, ok, damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Dann ist es so, dann probiert man es einfach. Es kann auch sein, dass es das nicht war, aber einfach – da schließen wir wieder am Thema an – mutig in die Richtung zu gehen. Ich denke mir einfach, Zielsetzung ist automatisch mit Fokus verbunden.

Danke für das Interview.

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