Markus Reindl

Dein Geburtsdatum und Geburtsort?

Markus Reindl: 25. Februar 1979, Freistadt.

Seit wann lebst du in Linz?

Markus Reindl: Ich lebe halb in Wien, halb in Linz, aber derzeit mit Hauptwohnsitz in Wien. Nach Linz bin ich vor siebeneinhalb Jahren gezogen, habe aber davor schon dort studiert, aber von Freistadt aus. Jetzt lebe ich seit zwei Jahren in Wien.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten und Funktionen übst du derzeit aus? Also backlab, AGT, Etage Noir etc.?

Markus Reindl: Ich bin Musiker, betreibe das Label “Etage Noir Special”, bin Mitglied im Künstler_innenkollektiv “backlab” und arbeite bei der Local-Bühne Freistadt mit, außerdem mache ich die Programmgestaltung für das Solaris.

Wie würdest du die eigene Tätigkeit am ehesten bezeichnen?

Markus Reindl: Musiker.

Kurzes Assoziationsspiel: Welche Begriffe fallen dir ein, wenn du an “Kulturstadt Linz” denkst?

Markus Reindl: Voluminös, populär, guter Ruf.

Wenn du die letzten 10 Jahre, also die Jahre 2000 bis 2010, betrachtest: Was lief deiner Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung der Stadt Linz?

Markus Reindl: Ich finde, dass sowohl in der Politik als auch in der Bevölkerung ein klares Bekenntnis zur Kultur bzw. die Erkenntnis der Relevanz stattgefunden hat. Das ist sicher das Ergebnis von intensiver Arbeit verschiedenster Gruppen und an sich auch der beste Teil einer Entwicklung.

Und mit welchen kulturellen Entwicklungen der letzten 10 Jahre bist du überhaupt nicht zufrieden?

Markus Reindl: Damit, dass der Populismus abseits einer positiven Pop-Kultur überhand gewonnen hat.

Womit kann Linz deiner Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb kulturell punkten, vor allem im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Graz, Salzburg oder Innsbruck?

Markus Reindl: Die drei genannten Städte sind da ja wiederum sehr unterschiedlich. Allgemein hat Linz im österreichischen Vergleich ein grundsätzlich sehr gutes Fördersystem und eben ein klares Bekenntnis zu zeitgenössischen Kulturformen. Ein Vorteil von Linz ist, dass es in einigen Bereichen weniger Altlasten mitschleppen muss – in anderen Bereichen natürlich um so mehr, das heißt, dass Linz sich zwar nicht mit so kulturellen Altlasten wie Salzburg herumschlagen muss, dafür aber in Bezug auf Vergangenheitsbewältigung aus der NS-Zeit natürlich eine noch höhere Verantwortung hat.

Inwieweit denkst du eigentlich, dass Linz international als Kulturstadt wahrgenommen wird? Welche geografische Reichweite hat die internationale Wahrnehmung deiner Meinung nach?

Markus Reindl: Leider nur in wenigen Teilbereichen international, hauptsächlich die Ars Electronica, Ansonsten hört das leider oft außerhalb von Zentraleuropa auf. Ich höre jetzt noch öfter Forum Metall oder Forum Design als irgendetwas aus den letzten 20 Jahren.

Wie schätzt du den Stellenwert von Hochkultur – Subkultur – Volkskultur in Linz ein?

Markus Reindl: In Linz ist das, glaube ich, tatsächlich Volkskultur vor Hochkultur vor Subkultur – während sich andere österreichische Städte mit der Hochkultur schmücken, wird das in Linz oft nicht mal richtig versucht. Und die Erkenntnis, dass Subkultur ja an sich ein riesiges – auch ökonomisches – Potential für eine Stadt hat, wie ja alle “hippen” Metropolen dieser Welt beweisen, ist hier nicht mal in Ansätzen vorhanden. Im letzten Kulturentwicklungsplan stand etwas von der Wegentwicklung von Provinzkultur, ich glaube, so weit ist man da – zumindest in vielen Köpfen – aber noch gar nicht gekommen.

Wenn du einzelne künstlerische Disziplinen wie Malerei und Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie usw. betrachtest, also das gesamte Kaleidoskop an Disziplinen dir vor Augen führst: Wo würdest du meinen, wäre in der Stadt noch besonderes Entwicklungspotenzial vorhanden?

Markus Reindl: Das ist natürlich schwierig. Man kennt ja immer das Potenzial in der eigenen Sparte am besten. Aber ich betrachte es jetzt mal so: Wo wäre das meiste Potenzial, wenn man etwas in der Gleichung ändern würde – also wo findet diese Entwicklung nicht von selbst statt. Und das wäre dann bei Tanz und Theater, sowie in bestimmten Bereichen der Musik.

Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen? Begründe deine Einschätzung bitte kurz.

Markus Reindl: Ich denke, ich konzentriere mich hier auf die “Schutzfunktion” der Stadt – in einer idealen Welt sollten die Gegebenheiten ja so offen sein, dass sich Themen von selbst entwickeln können: Migrationsaspekte im Kulturschaffen, Gleichbehandlungsfragen, Medienkritik sowohl im als auch aus dem Kunst- und Kulturbetrieb. Die Begründungen: Vielleicht trügt mich die Erinnerung, aber ich glaube Migrationsaspekte kommen im letzten KEP kaum bis nicht vor. Da aber sowohl Migration als auch die entsprechende Kultur ein wichtiger Teil unserer Kultur sind bzw. werden müssen – je nach Betrachtungsweise – müssen hier auch bessere Strukturen und Schutzfunktionen geschaffen werden. Das Gleichbehandlungsthema gibt es zwar schon ewig, aber richtig getan hat sich hier eigentlich wenig. Ich denke, das kann man so stehen lassen wie bisher, muss es aber natürlich um den Bereich gleichgeschlechtlicher Lebensformen erweitern. Der Kulturbetrieb ist immer noch sehr männerdominiert. Kann schon sein, dass sich etwas getan hat, aber dann zu wenig. Der öffentliche Kulturbetrieb unterliegt in den Medien primär einer sehr populistischen Kritik und oft Stimmungsmache. Eine umgekehrte Medienkritik aus dem Kulturbereich heraus wird damit fast verhindert oder sehr erschwert. Ich denke, dass die Kulturpolitik hier als Katalysator und Schutzschirm agieren muss, und nicht als Marionette.

Zu den einzelnen Themenbereichen. Zu Arbeitsbedingungen, Arbeitsverhältnissen und Sozialer Lage. Wenn du dein näheres kulturelles bzw. künstlerisches Umfeld betrachtest: Welche Arbeitsverhältnisse (Vollzeit, Teilzeit, Freie Dienstverträge, …) dominieren hier?

Markus Reindl: Mischformen – freie Dienstverträge bzw. Scheinselbständigkeit kombiniert mit Teilzeitanstellungen (nur zum Teil im Kulturbetrieb).

Wie würdest du die Arbeitsbedingungen beschreiben, unter denen du arbeitest?

Markus Reindl: Finanziell am Limit, aber frei.

Inwieweit denkst du, sind diese Arbeitsverhältnisse und Arbeitsbedingungen typisch für den Kunst- und Kulturbereich in Linz?

Markus Reindl: Für den Teil, in dem ich arbeite, sehr typisch – aber es gibt ja auch den institutionalisierten Kunst- und Kulturbetrieb. Da ist es etwas anders – wenn auch nicht unbedingt besser.

Welche Maßnahmen könnte aber die Stadt Linz deiner Meinung nach setzen, um die Arbeitsbedingungen und die soziale Lage für Kunst- und Kulturschaffende zu verbessern?

Markus Reindl: Na ja, gerade in Bezug auf die Freie Szene gibt es diese “Förderung der Infrastruktur” – wieso nicht auch ein offenes Bekenntnis zur Notwendigkeit der entsprechenden Arbeitsleistung? Was mir aber auch zuerst mal wichtig wäre: prekäre Beschäftigungsverhältnisse haben in einem kommunalen Kulturbetrieb nichts verloren – auch Hilfskräfte haben einen Anspruch auf geregelte Beschäftigungsverhältnisse und mir wäre es wichtig, dass sich die Stadt dazu bekennt.

Gut. Als nächstes, gleich daran anschließend, Förderung/Finanzierung. Welche positiven Punkte fallen dir in Zusammenhang mit der Förderung von Kunst und Kultur durch die Stadt Linz ein?

Markus Reindl: Im Österreichvergleich sind sowohl Budget als auch Struktur positiv zu bewerten.

Und wo siehst du hier Handlungsbedarf?

Markus Reindl: Bei der Schwerpunktsetzung und der Transparenz. Natürlich kann man sich hohe Beträge für Prestigebauten auch auf die Kulturfahne heften – aber ein gläserner Aufzug weniger und ich kann das Budget in der Freien Szene wohl verdoppeln oder so. Also ich bin für weg von Prestige und Populär, hin zu Inhalten.

Inwieweit bist du eigentlich mit der Vergabe von Kunstwürdigungspreisen und Kunstförderungsstipendien durch die Stadt Linz zufrieden?

Markus Reindl: Da fehlt mir jetzt ehrlich gesagt der Überblick. Ich habe das in den letzten Jahren nur am Rande mitbekommen.

Fallen dir noch irgendwelche besonderen, strukturellen Fördermaßnahmen ein, die deiner Meinung nach in Linz sinnvoll wären, das heißt Fördermaßnahmen, die nicht nur eine einzelne Einrichtung betreffen?

Markus Reindl: Obwohl ich persönlich kein extra großes Interesse daran habe und dem ganzen auch kritisch gegenüberstehe, denke ich, dass ein spezielles Förderprogramm für Betriebsgründungen im Kreativbereich – und damit auch an der Schnittstelle zu Kunst und Kultur – sinnvoll wäre.

Gut. Der letzte Teilbereich im letzten Block: Interkulturalität/Migration/Integration. Wie schätzt du die Entwicklung der migrantischen Kulturarbeit in Linz in den letzten 10 Jahren ein?

Markus Reindl: Die Entwicklung hat in dieser Zeit weg von Integration im allgemeinen Kulturbetrieb hin zu spezialisierter migrantischer Kulturarbeit stattgefunden. Außerdem hat sich auch hier soziale Migrationsarbeit zum Teil schon vom kulturellen Aspekt gelöst, was ich natürlich spannend finde. Allerdings würde ich mir hier wünschen, dass das ganze wieder mehr zusammenwächst, also Migrationsaspekte nicht losgelöst von der Kulturarbeit.

Mit welchen besonderen Problemen sind Migrant_innen im Kunst- und Kulturbereich in Linz deiner Meinung nach konfrontiert?

Markus Reindl: Eben dass die Kulturarbeit in dem Bereich noch zu wenig losgelöst von allgemeinen Migrationsthemen behandelt wird. Das ist sicher schwierig, weil nun mal nicht jeder, der sich mit kulturellen Inhalten der Migration beschäftigen will, auch z. B. Sprachkurse anbieten will. Ist ja auch logisch.

Wie würdest du die Verbindungen zwischen den verschiedenen migrantischen Kultureinrichtungen in Linz beschreiben?

Markus Reindl: Zur Vernetzung zwischen den Einrichtungen kann ich leider nichts sagen.

Und wie würdest du die Verbindungen zwischen den migrantischen und den nicht-migrantischen Einrichtungen aus dem Kunst- und Kulturbereich in Linz beschreiben? Ist dir da etwas aufgefallen?

Markus Reindl: Die findet sehr wohl statt, aber fast immer nur auf Initiative der nicht-migrantischen Einrichtungen. Nicht, weil die migrantischen Einrichtungen das nicht wollten, ganz im Gegenteil. Ich denke, da ist eben eine gewisse Vorsicht vorhanden. So bald aber nicht-migrantische Einrichtungen z. B. gewisse Serviceleistungen anbieten, ist hier die Hemmschwelle von Seiten der migrantischen Einrichtungen definitiv gesunken und es findet auch eine Kontaktaufnahme von dieser Seite her statt.

Letzte Frage: Welche Maßnahmen sollte die Stadt Linz setzen, um Interkulturalität zu fördern?

Markus Reindl: Da Menschen mit Migrationshintergrund einen nicht unwesentlichen Teil der Bevölkerung ausmachen, finde ich es notwendig, daraus resultierende Rechte auch im Kulturbereich festzuschreiben. Natürlich wäre es in den Medien extrem unpopulär, verpflichtende Förderquoten in diesem Bereich festzulegen, aber diskutiert gehört es trotzdem. Interkulturalität kann erst dann entstehen, wenn man auf Basis von gleichen Rechten arbeiten kann.

Wir sind am Ende des Interviews angelangt. Ist dir noch etwas abgegangen? Willst du noch etwas Wichtiges mitteilen?

Markus Reindl: Ja, bitte. Zwei Punkte. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob man hier auf so ein Detail eingehen kann, aber ich habe in meiner arbeit in den letzten Jahren festgestellt, dass sich ein Thema durch fast alle bereiche zieht, nämlich die Raumproblematik, und im letzten Kulturentwicklungsplan waren ja die nächsten Großprojekte bereits beinhaltet (Lentos, Musiktheater). Ich finde, Raumbeschaffung könnte schon auch so ein Großthema sein. Und zweitens: Wenn schon KEP, dann bin ich für eine noch größere Verbindlichkeit, bis hin zu einer Einforderbarkeit gewisser Grundlagen. Wenn ich das richtig sehe, ist das bisher ja nicht so.

Danke für das Interview.

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