Robert Bauer

Geburtsdatum und Geburtsort?

Robert Bauer: 2. August 1963, Linz.

Du lebst in Linz seit wann?

Robert Bauer: Mehr oder weniger seit damals, aber immer mit längeren Unterbrechungen. Zwei mal zwei Jahre Kanada, eineinhalb Jahre Wien. Ich bin immer eine Zeit weg und dann wieder da und dann wieder weg und dann wieder da.

Neben deiner Tätigkeit als stellvertretender Institutsvorstand am Institut für Organisation, welche sonstigen kunst- und kulturbezogenen Funktionen übst du derzeit aus?

Robert Bauer: Ich bin im Aufsichtsrat der Tabakfabrik Linz Entwicklungs- und Betriebsgesellschaft mbH, dort auch im Zwischennutzungsausschuss, das wird jetzt mehr werden. Was im Moment weniger ist, aber schon mehr war, ist eine Tätigkeit in Wien, die mit Kreativwirtschaftsfeldern zu tun hat, departure. Und was vielleicht nicht direkt eine Funktion ist, aber mein Forschungsbereich, die Schnittstelle zwischen Management auf der einen Seite und Kunst und Design auf der anderen. Das heißt, da gibt es einen beruflichen Bezug zu Kunst- und Kreativitätsthemen.

Wenn dein Name dann im Bericht aufscheint, was soll da stehen? Ist das ok, stellvertretender Institutsvorstand am Institut für Organisation?

Robert Bauer: Nein, gar nicht, das ist das Unwichtigste. Professor für Organisation und Innovation an der Johannes Kepler Universität ist ok.

Kurzes Assoziationsspiel: Welche Begriffe fallen dir ein, wenn du an “Kulturstadt Linz” denkst?

Robert Bauer: Da schreibe ich als allererstes die Ars Electronica hin. Und zwar nicht die gegenwärtige, sondern die bis einschließlich Gottfried Hattinger. Zu dem Zeitpunkt war Linz einmal im Jahr aus meiner Sicht die kulturelle Welthauptstadt, also zu dem Thema hat es einfach nichts besseres gegeben als die Ars Electronica und das war 15 Jahre lang so, würde ich sagen, und erst dann sind andere Festivals entstanden, die ähnliches gemacht haben. Jetzt haben manche mehr Geld, jetzt gibt es andere, was weiß ich, Karlsruhe oder so, die wahrscheinlich stärker sind als Linz, aber es hat 15 Jahre gegeben – und das ist das einzige, das mir bekannt ist, dass ich das Gefühl habe – da war Linz der Nabel der Welt.

Würdest du sonst noch etwas dazu schreiben? Oder würdest du es bei der Ars Electronica zu Gottfried Hattingers Zeiten belassen.

Robert Bauer: Na ja, natürlich hat sich die Stadt weiterentwickelt und es gibt eine ganze Menge positiver Entwicklungen. Also wenn ich nur in den Donauraum schaue und mir dann noch denke, vielleicht passiert in der Kunstuniversität wirklich etwas und in der Tabakfabrik, also das hat schon … da ist enorm viel passiert. Das geht aber alles in die Breite. Wenn ich mir jetzt überlege, absolute Highlights, dann würde ich sagen die Ars Electronica war das stärkste, das mir bekannt ist.

Wenn man die nähere Zeit betrachtet, die letzten zehn Jahre in etwa, also die Jahre 2000 bis 2010: Was lief deiner Meinung nach besonders gut in der kulturellen Entwicklung der Stadt Linz?

Robert Bauer: Was mein Eindruck in den letzten zehn Jahren ist, es passieren sehr positive Dinge, aber es ist alles sehr abgeschliffen, es ist wenig kantig, wenig markant. Das betrifft die Ars Electronica genauso wie die Stadtwerkstatt. Es passiert etwas und es ist gut, dass etwas passiert, aber es ist ein bisschen gefällig. Das Extrembeispiel von gefällig ist das Pflasterspektakel, da geht es mir schon zu weit. Ich bin ein großer Fan von “Kultur für Alle”, aber wenn Kultur keinen emanzipatorischen Anspruch mehr hat, sondern wie beim Pflasterspektakel, wo mir der Versuch fehlt, das Publikum auch irgendwie anzurühren, zu verändern, weiter zu bringen, wenn ich Kunst genieße als Privatperson und ich finde es nur unterhaltend, dann ist mir das zu wenig. Da muss ich sagen, das kann Hollywood auch, da akzeptiere ich das, ein Hollywoodstreifen für einen netten, unterhaltenden Abend ist ok. Aber das ist mir für Kunst zu wenig.

Wie weit geht das, dieser Übergang von Kunst für alle zu Kultur für alle zu Unterhaltung für Alle? Ist in den letzten Jahren eine zunehmende Eventisierung bei den Formaten im Kunst- und Kulturbereich in Linz festzustellen? Geht das schon zu weit deiner Meinung oder kann man das so nicht sagen?

Robert Bauer: Nein, die Formate gefallen mir gut. Ich habe eher das Gefühl, dass die stabilen Institutionen fast ein bisschen zu viel Gewicht haben und zwar sowohl in der Freien Szene als auch die ganze etablierte, bürgerliche Kunst. Während ich so junge Festivals wie das Shakespeare ganz nett finde oder Sicht:Wechsel. Da habe ich das Gefühl, dort wäre noch am ehesten die Möglichkeit gegeben, dass ein bisschen etwas Ungewöhnlicheres passiert. Das gefällt mir im Prinzip gut, aber ich würde mir auch dort wünschen, dass man sich ein bisschen mehr traut. Ich habe das Gefühl, die große Risikobereitschaft ist im Moment nicht unterwegs.

Hat das etwas mit Dynamik zu tun, mit fehlender Dynamik, die am Anfang von Festivals vielleicht stärker vorhanden ist?

Robert Bauer: Genau, ich habe das Gefühl, die Linzer Kulturlandschaft hat Potenzial, aber es ist ein bisschen zu Institutionalisiert. Beispielsweise, ich weiß nicht ob das in die Kulturpolitik gehören würde, aber wir haben uns in der Tabakfabrik-Studie eine kleine Fußnote erlaubt, wo ich mir denke, diese Basisförderung ist extrem wichtig, aber ich habe das Gefühl es geht ein bisschen viel in Richtung Basisförderung und es gibt wenig Anreiz dann, mit neuen Leuten zusammenzuarbeiten. Ein Paradebeispiel ist für mich das Kulturquartier Tabakwerke gewesen. Spannend waren die Reaktionen der Freien Szene, wo offiziell immer total unterstützt wurde, innoffiziell aber überhaupt nicht, weil das Hauptthema war, dass möglichst kein Geld woanders rein geht in etwas Neues, sondern die Etablierten schauen halt einfach, dass sie ihr Geld nicht verlieren. Und da habe ich das Gefühl, ein Anreizsystem das einen besseren Mix zwischen Basisförderung und Projektbezug hat, wäre notwendig. Beispielsweise meine ich damit, dass eine projektbezogene Förderung, wenn ich sie mit einer etablierten Institution mache, die Overhead verrechnen kann, einen Anreiz schaffen würde, dass Etablierte mit Neuen kooperieren und so etwas, das wäre sinnvoll. Weil die Etablierten sind ja wichtig und haben Infrastruktur und Erfahrungen, die extrem wertvoll sind, aber gleichzeitig glaube ich, braucht es einen Anreiz: Wer hat wieder die nächste coole Idee? Und dass man dann gemeinsam etwas tut. Im Moment ist das eher nicht so, im Moment ist das Fördersystem so aufgestellt, dass jede Kulturinstitution, die vernünftig denkt, schauen muss, dass möglichst kein anderer etwas Neues macht. Und das ist natürlich ein Fördersystem, das keine Dynamik erzeugt. Ich sage, ich habe Projekte und mit denen kann ich Overhead-Kosten verrechnen, wenn es mit einer etablierten Institution ist, dann ist es für beide sinnvoll. Weil es kann natürlich nicht sein, dass ich nur Projektförderung mache. Projekte erzeugen immer Fixkosten und es kann nicht sein, dass die, die am meisten tun, finanziell bestraft werden. Das ist nicht das Ziel. Junge Forschung ist das, also die guten Forschungsfelder als Programme machen das, wenn du ein gutes Projekt hast, kannst du Fixkosten mitrechnen oder Overhead-Kosten oder wie immer man es nennt und ich denke, solche Überlegungen wären intelligent. Dann hätten die Etablierten einen systematischen Anreiz, nach neuen Impulsen zu schauen und ich glaube, das würde Linz einfach gut tun. Abgesehen davon, dass im Moment die Kulturbudgets insgesamt ein bisschen dürftig sind. Also das Fördersystem ist so aufgestellt, dass wenn er das nicht tut, beschädigt er sich selber wirtschaftlich. Und in der bürgerlichen Kultur kommt es mir auch so vor. Also die Frage jetzt zum Beispiel anhand des Musiktheaters und der Plan – meines Wissens ich hoffe, dass ich da nicht falsch informiert bin, oder eigentlich ich hoffe, dass ich falsch informiert bin – dass man das Landestheater, Großes und Kleines Haus weiter betreiben will, da frage ich mich, wo kommt das Publikum her? Und dann geht halt sehr viel in bestimmte etablierte Institutionen, die wenig Risiko eingehen. Beim Theater Phönix bin ich mir auch nicht sicher, ob es nicht schön langsam ein zweites Landestheater wird – aber bei Linz09 da waren sie, finde ich, ganz gut. Also das ist mein Thema für Linz, dass man auf der einen Seite geschaut hat, dass die Freie Szene eine Basis bekommt und jetzt müsste man aber schauen, dass diese Basis nicht völlig erstarrt.

Womit kann Linz deiner Meinung nach im österreichischen Städtewettbewerb punkten, vor allem im Vergleich zu ähnlich großen Städten wie Graz, Salzburg oder Innsbruck? In Deutschland wären das Städte wie Kassel, Münster, also ähnlich große Städte, die nicht allzu groß sind. Ist das nur die Ars Electronica oder schon mehr?

Robert Bauer: Crossing Europe finde ich total interessant. Da finde ich, ist echt etwas total interessantes passiert und da finde ich, da gelingt es auch, das offen zu halten zwischen Establishment und Kooperationen mit lokalen, kleineren, freieren Initiativen. Ich finde, Christine Dollhofer macht das sehr gut, da habe ich großen Respekt vor dem, was sie da tut. Im Städtevergleich fällt mir so viel mehr nicht ein. Die Galerienszene im Sinn von Handel gibt es gar nicht in Linz. Ich glaube, dass einiges an Potenzial da wäre, aber wenn du mich jetzt fragst, wofür jetzt Linz steht, im Städtevergleich … ich bin mir nicht einmal sicher, ob das Brucknerfest wahrgenommen wird, außerhalb von Linz, das hält sich in Grenzen. Ich meine, wenn Franz Welser-Möst wieder einmal da ist, ok. Es ist eh gut, dass er Linzer ist. Aber da muss ich überlegen … Attwenger vielleicht, die sind jetzt zwar auch schon ein bisschen in die Jahre gekommen, aber die halte ich für ein Aushängeschild von Linz. Darf ich dich das zurückfragen? Das Brucknerfest war einmal interessant, aber hat irgendwie dann den Sprung nicht geschafft, 4020 hat ganz toll angefangen und ist aber dann irgendwie den inneren Mühlen zum Opfer gefallen. Also 4020 hat genial angefangen, das erste war umwerfend, aber jetzt ist es dann nur mehr zweijährig und das ist sicher nicht über Linz hinaus wirklich wahrnehmbar. nextComic hätte auch Potenzial. Und dann mit einem Protagonisten wie Gerhard Haderer, da könnte auch etwas entstehen, da bin ich überzeugt davon. Der ist nämlich auch ziemlich offen. Da habe ich am Anfang nicht gewusst, ist für ihn zum Beispiel die Gaming-Ästhetik ein Thema, aber dann hat er mir erzählt, das hat er schon vor … weil wenn man das nicht mitdenkt, hat es keine Zukunft, aber wenn man in die Richtung geht, glaube ich, hätte das eine irre Zukunft. Also Wien setzt sich mittlerweile auch schon wieder drauf, aber das ließe sich wahrscheinlich noch für Linz branden.

Denkst du, dass Linz international als Kulturstadt wahrgenommen wird?

Robert Bauer: Nein, sehe ich nicht. Erstens muss man einmal sagen, wenn du das in dieser Dimension, in Hongkong, Toronto oder in solchen Städten, in denen ich mehr unterwegs bin, siehst, da wird Linz überhaupt nicht wahrgenommen. Wenn es dann wahrgenommen wird, dann wird es immer wieder als die Stadt des “Führers” wahrgenommen. Das ist das einzige, was noch bekannt ist, aber ich finde das auch nicht notwendig, muss ich sagen. Also ich glaube nicht, dass Linz versuchen muss sich als Kulturstadt zu positionieren. Linz ist eine Industriestadt. Linz steht sicher mehr für Arbeit, für Produktion, für Moderne. Damit habe ich kein Problem. Die Frage ist nur, gibt es die entsprechende Kultur, gibt es den entsprechenden kulturellen Hintergrund oder ist es eine kulturelle Wüste? Also wenn ich jetzt Shenzhen sage, das hinter Hongkong liegt, kulturell ist das nicht spannend, das ist Business und nicht einmal wirklich Unterhaltung, also Business und Essen, dann ist aber zusammengeräumt. Hongkong ist anders, Hongkong hat natürlich vieles, aber auch da merkst du schon, dass … ich vermute, dass es mit Einschränkungen in der Meinungsfreiheit zu tun hat, die kreative Kunstszene, das wird dann alles importiert, ist klar, das sehe ich dort auch nicht. Aber ich habe jetzt nicht den Anspruch an Linz, dass man sagt, man verbindet das mit Kultur so wie man das mit Salzburg oder Wien verbindet. Ich halte Linz für die interessantere Stadt im Vergleich zu Salzburg und Salzburg steht halt für einen bestimmten Typus von Kultur und für den steht es auch nur zweimal im Jahr. Ich glaube nicht, dass man da versuchen sollte … was spannend ist, dass das einfach kulturell lebendig ist, dass man nicht nur innovative Produkte, Industrieprodukte erzeugt, sondern, dass das kulturell genau dieselbe Lebendigkeit hat.

Hat es oder hat es noch nicht?

Robert Bauer: Hat es noch nicht, aber ich glaube es gibt eine Menge Potenzial.

Beschreib bitte dein Resümee von Linz09 anhand von drei Punkten.

Robert Bauer: Ganz persönlich war es für mich ein Jahr Großstadt, es war das kulturelle Level einer Großstadt. Von daher war es einfach ein unglaublicher Genuss. Von dieser unmittelbaren Erlebnisqualität abgesehen, glaube ich schon, dass es in der Stadt das Thema Kultur und Stadtentwicklung wachgerüttelt hat. Die Frage ist, und das kann ich nicht einschätzen, ist diese Bewusstseinsbildung mehr wert, wie wenn man gleich auf eine Marke gesetzt hätte und gesagt hätte, wir nehmen die Marke Ars Electronica her und schauen, wie wir die relaunchen können, wie man diese Themen weiterentwickeln kann? Da bin ich mir nicht sicher, ob man nicht, wenn man gesagt hätte, setzen wir da drauf, bauen wir rund um dieses Dreieck Kultur – Gesellschaft – Technologie etwas Neues, machen wir das Kulturhauptstadtjahr in dem Sinn, für die Stadtentwicklung mehr bewegt hätte. Das kann ich nicht einschätzen, ich glaube das ist zu früh, das einzuschätzen. Damit hätte man sicher kurzfristig mehr bewegt und die Frage ist halt, dieses Aufrütteln des Bewusstseinsbilden, welchen Stellenwert Kultur für die Zukunft der Stadt hat, ob das jetzt dann aufgeht oder vertrocknet. Ich glaube, es ist einfach zu früh, das einzuschätzen. Ich überlege jetzt noch einmal, ob von Linz09 etwas übrig geblieben ist. Ich kann es nicht einschätzen. Also im Musikbereich war ja wirklich geplant, dass da etwas übrig bleibt, aber ich kann nicht sagen, ob viel zurückgeblieben ist von dem Ensemble 09. Gut, der Kepler Salon ist zurückgeblieben. Also man kann schon sagen, es sind ein paar Sachen übrig geblieben, wo ich das Gefühl habe, es war ein erhebendes Gefühl, mich daran zu erinnern. Es waren schon ein paar gute Sachen dabei, das Pixel Hotel, das Gelbe Haus, es waren ein paar wirklich gute Sachen dabei. Und der Höhenrausch kommt auch jetzt wieder. Höhenrausch und Tiefenrausch waren genial, also der Tiefenrausch war mindestens so gut. Höhenrausch war super, war einfach genial. Das finde ich zum Beispiel bei der Frage Massenwirksamkeit interessant, aber noch mit einem künstlerisch-emanzipatorischen Anspruch, da war der Höhenrausch brillant. Das war nicht nur Unterhaltung, das Riesenrad da oben war ein super Spektakel und natürlich sind viele Leute zum Riesenradfahren gekommen auf der Parkgarage, aber dann sind sie trotzdem durch hochwertige Kunst wieder hinausmarschiert und das hat mir wirklich gut gefallen.

Wie schätzt du das Verhältnis von Hochkultur – Subkultur – Volkskultur in Linz ein?

Robert Bauer: Das ist wirklich eine schwierige Frage. Mein Eindruck ist, dass das, was man allgemein als Hochkultur bezeichnen würde, von wenigen importierten Ereignissen abgesehen, eigentlich zur Volkskultur geworden ist. Die klassische, bürgerliche Kultur ist schon zur Volkskultur geworden. Die wirkliche Hochkultur stelle ich fast nicht mehr fest, weil das spitzt sich halt schon so extrem zu, während ich umgekehrt das Gefühl habe, bei der Auseinandersetzung mit der Volkskultur gibt es zwei Arten. Die eine Auseinandersetzung ist fast eine subkulturelle Wiederaneignung, die ich ganz interessant finde, also zum Beispiel Attwenger als Vorreiter, aber auch das Festival der Regionen, wo ganz viel Auseinandersetzung passiert zwischen einer modernen Kunst und regionalen Traditionen. Das gefällt mir unglaublich gut. Und dann gibt es halt die “volksdümmliche”, wo ich mir denke, damit kann ich nichts anfangen. Das ist meistens ein Vorwand, um viel zu trinken und sich fremdenfeindlich zu gebärden, das fällt für mich eigentlich nicht unter Kultur.

Wie schaut es aus mit dem Stellenwert der Sub- oder Alternativkultur in Linz?

Robert Bauer: Abgesehen von dieser Auseinandersetzung mit den Traditionen, die ich ganz spannend finde, bin ich wenig informiert, muss ich sagen. Es ist mir früher mehr aufgefallen, wobei ich eben nicht weiß, ist es, weil alles nicht mehr so kantig ist oder ist es auch, weil ich einfach älter geworden bin, dass ich das nicht mehr so mitverfolge? Diese Cafe-Landgraf-Zeit kenne ich noch, da war ich noch mitten drinnen. Jetzt gibt es halt die Dokumentarfilme über diese Zeit, aber das ist nicht dasselbe. Also bei der Subkultur oder Alternativkultur … es wäre eine Versuchung, zu sagen: Ja, da hat Linz etwas, aber ich bin mir nicht sicher, ob das eine nostalgische Erinnerung ist und wie viel da jetzt tatsächlich lebendig ist, ich kann es nicht sagen. Als Linzer bin ich fast überrascht, dass ich mir denke, was im Schlachthof in Wels passiert, in Bezug auf subkulturelle Musik, da habe ich das Gefühl, das ist mehr als in Linz passiert. Also das Unlimited-Festival, das ist nicht schlecht, und mir ist nicht bekannt, dass es da in Linz etwas Gleichwertiges gäbe. Aber die Hoffnung wäre natürlich, dass sich da etwas tut. Ich bin zu wenig informiert, um sagen zu können, wie viel Potenzial ist da jetzt wirklich da. Zum Beispiel finde ich es problematisch, dass die Bruckneruniversität auf den Berg übersiedelt. Ich finde, die würde in unmittelbare Nähe zur Kunstuniversität gehören. Die würden beide in die Tabakfabrik gehören, oder es war einmal das Zollamt für die Bruckneruniversität angedacht. Erstens ich finde das ganz schlecht, wenn die Studierenden wieder aus dem Zentrum verfrachtet werden. Ich glaube, das war bereits eine historische Fehlentscheidung, die JKU nicht zentrumsnäher anzusiedeln. Da hätte es Möglichkeiten gegeben. Ich glaube, dass das für das kulturelle Klima der Stadt immens wichtig wäre, dass es eine studentische Szene gibt, die wir in Linz nicht haben, wenn du das mit Graz vergleichst. Natürlich gibt es da wesentlich mehr Studierende, aber die sind auch im Zentrum. Und bei uns ist es so, fortgehen tut man dann am Abend doch in der Innenstadt, aber eigentlich auch viel weniger, weil es so weit weg ist, und im Auhof draußen passiert überhaupt nichts. Da glaube ich schon, dass es so etwas wie kritische Massen braucht, und ich würde es viel mehr konzentrieren. Ich denke mir, dann würde auch etwas Ungewöhnlicheres passieren. So wird halt jeder isoliert und lebt dann mit den disziplinären Zwängen und es gibt keine Berührungspunkte, damit auch keine Friktionen. Ob das kreativitätsfördernd ist, wage ich zu bezweifeln.

Wenn du einzelne künstlerische Disziplinen wie Malerei und Grafik, Tanz, Theater, Musik, Literatur, Film, Fotografie usw. betrachtest: Wo würdest du meinen, wäre in der Stadt noch Entwicklungspotenzial vorhanden?

Robert Bauer: Für mich ist es nicht so, dass es überall Entwicklungspotenzial gibt. Ich glaube schon, dass die Ausbildungsinstitutionen sehr wichtig sind. Ich glaube, dass in der bildenden, in der darstellenden, in der Medienkunst einfach höheres Potenzial da ist, weil es die Ausbildungsinstitutionen gibt, das selbe gilt für Design. Ich finde es eigentlich inakzeptabel, dass man Graz das Label Design überlässt. Ich glaube, Linz hat nach wie vor mehr Potenzial zum Thema Design, während ich umgekehrt glaube, dass in der Literatur nicht viel passieren wird, weil wir haben in Linz keine einzige Ausbildung, die sich auf Sprache konzentriert. Du kannst nicht Linguistik studieren, du kannst nicht Germanistik studieren, du kannst keine Literaturwissenschaften studieren, nicht einmal Werbetexte in dem Bereich, keine Publizistik und ich glaube nicht, dass man da dann als Stadt Potenzial hat. Es kann schon sein, dass irgendwo einmal eine kleine Initiative entsteht, unplanbar, so was kann immer passieren, aber systematisch zu sagen, die Stadt hat Potenzial, das glaube ich nicht, weil es keine Ausbildungsinstitutionen dafür gibt. Mein Eindruck ist – und das deckt sich auch mit der Stadtentwicklungsliteratur – dass diese Ausbildungsinstitutionen schon immens wichtige Keimzellen sind, wo dann Initiativen daraus entstehen. Und insofern glaube ich, dass die Bereiche, die in der Kunstuniversität wirklich abgedeckt sind, eher gestärkt und ausgebaut und fokussiert gehören. Eher ginge es mir darum, das Feld außerhalb aufzubauen, weil was jetzt passiert, ist, wenn jemand an der Kunstuniversität studiert und dann fertig ist, dann hat er keine Werkstatt mehr. Also es gibt keine Möglichkeit. Da gibt es aus meiner Sicht unglaublich qualifizierte Leute, die gerade fertig werden, die in der Orientierungsphase sind und dieses Potenzial wird nicht genutzt. In der Tabakfabrik-Studie gibt es einen Vorschlag, Werkstätten aufzumachen für Leute, die hier eine Ausbildung genossen haben oder sonst irgendwelche qualifizierten Vorerfahrungen haben, dass die einen Zugang haben zu Equipment, dass sie sich als einzelne nie leisten können, um kreativ tätig sein zu können. Natürlich werden sich dann manche wegbewegen oder viele wegbewegen, aber ich habe das Gefühl, da wäre ein riesiges Potenzial. Solange du studierst, kannst du überall rein und am Tag, wo du fertig bist, nimmt man dir das Werkzeug aus den Händen. Da ließe sich, glaube ich, mit relativ geringen Mitteln etwas machen, das scheint mir einen Versuch wert, ob da nicht Potenzial da ist. Da würde ich schon auf das setzen, was da ist. Ich würde auf die Musiker setzen, das Musikschulwesen ist extrem gut, ich würde auf die bildende Kunst setzen, Medienkunst und diesen Sektor eben da dazwischen stärken. Die andere Frage ist, ob man nicht eine Ausbildung zum Thema Sprache braucht. Wenn die Zukunft in Kommunikation liegt – und das ist wahrscheinlich so – dann braucht es eine Kombination von Bild, Ton und Sprache. Wir sind beim Bild präsent in Linz, wir haben die Ton- und Musik präsent, aber zum Thema Sprache gibt es nichts. Du kannst keine Philosophie studieren und die Präzision der Sprache wird bei uns nicht gelehrt. Und es ist die Frage, ob man dort nicht sagen müsste, das ist so ein Defizit, dass man schauen muss, dass man eine Ausbildungsinstitution dazu bekommt, weil das kann man sich nicht leisten, hier nichts zu tun. Ansonsten finde ich die ganze Web-Thematik interessant. Ich glaube, da ließe sich auch ein kulturelles Feld schaffen, weil die Stadt ist ja unterwegs in Richtung Open-Source-Region, also die Web-Kompetenz der Linzer, gerade der jüngeren, zu nutzen und zu stärken, das könnte kulturell total interessant sein.

Welche drei thematischen Schwerpunkte mit Kunst- und Kulturbezug werden zukünftig die größten Herausforderungen für die Stadt darstellen?

Robert Bauer: Das Thema Web finde ich total interessant und zwar im doppelten Sinne, einerseits Kunst im Web und anderseits Kunst, die sich mit dem Web auseinandersetzt. Ich glaube, rund um das Web sind wir gerade in einer unglaublichen, gesellschaftlichen Veränderung und das wäre sicher ein Thema. Das Thema Stadt und Arbeit. Also das Thema Stadt finde ich insgesamt schon ganz interessant, und die Frage ist, welche Zukunft haben Mittelstädte wie Linz überhaupt? Wenn man schaut, wie die Metropolen wachsen, da haben wir eine globale Umwälzung, im Süden von China verknüpfen sie jetzt sechs oder sieben Städte mit Hochgeschwindigkeitszügen und Glasfaserkabeln, die machen einen Ballungsraum von 42 Millionen Leuten und das Ziel ist, das Innovationspotenzial anziehen zu können, weil du in solchen Ballungsräumen für fast jede Idee eine kritische Masse zusammenbringst. Das ist für mich schon eine Frage. Wie sieht die Zukunft der Arbeit und wie sieht die Zukunft von Arbeitsräumen wie Linz überhaupt aus? Ich glaube, wir sind gerade dabei, dass uns dämmert, was da global passiert. Die Industriearbeit ist dabei, Europa zu verlassen und nie wieder zu kommen. Das halte ich schon für ein Thema, weil ich glaube, das wird riesige Auswirkungen haben. Wir müssen uns damit auseinandersetzen und ich glaube, dass Kunst da etwas dazu beitragen kann, Bewusstsein schaffen kann, sogar Lösungen entwickeln kann. Und ich bin mir nicht sicher, man könnte natürlich sagen, die erste Welle der Auseinandersetzung damit ist schon passiert, aber alles was so rund um Biopolitik geht, ich glaube das wir uns auch noch beschäftigen. Ich bin überrascht, dass ich jetzt nicht sage Clean Technologies und so, aber ich glaube, dass die anderen drei Themen noch brisanter sind. Das wird auch stattfinden, die Umweltthematik wird wichtig sein, aber die anderen drei kommen mir noch brisanter noch konfliktträchtiger vor.

Zu den Themenbereichen. Junge Potenziale, Nachwuchsförderung. Inwieweit denkst du, dass Linz für junge Kunst- und Kulturschaffende ausreichende Möglichkeiten zur Betätigung bietet?

Robert Bauer: Mir fallen zwei Sachen auf. Erstens, würde ich, das ist schon ein bisschen eine Maßnahme, aus Stadtentwicklungssicht versuchen, viele Studierende in die Innenstadt zu bringen, weil ich glaube, dass da eine studentische Szene und eine Beisl-Szene entsteht, die wiederum Betätigungsmöglichkeiten für Kunst schafft. Also in Cafés kann man Bilder ausstellen, es können Musiker auftreten, da kann man Kulturevents gut bewerben. Ich glaube, wenn du beispielsweise einen Teil der JKU in die Tabakfabrik transferieren würdest, wofür es keine Anzeichen gibt, aber angenommen, du gehst mit dem Management in die Tabakfabrik und bringst ein paar tausende Studierende ins Zentrum, das würde eine Szene wiederum schaffen, die wieder einen guten Nährboden schaffen würde, wo Künstler sich zeigen können und auch Marktpotenziale entstehen. Ich denke meistens in indirekten Ketten und ich glaube, man muss solche Hebel schaffen, damit man für das öffentliche Geld, damit man für einen Euro, den ich einsetze, mehr als einen Euro Wirkung bekomme. Was mir auffällt, die Tänzer haben nicht ausreichend Möglichkeiten. Da habe ich das Gefühl, es bräuchte wirklich etwas. Seit das CCL weg ist, das hat eine echte Lücke hinterlassen. Wir haben eigentlich eine gute Tanzausbildung an der Bruckneruniversität und wo sieht man die Kreativität dieser Leute? Mir ist das nicht bekannt. Weißt du, wo sich die zeigen können?

In Linz? An der Universität selbst, im Brucknerhaus und sonst gibt es bis auf kleine Initiativen wie Red Sapata und Einzelkünstlerinnen wie Silke Grabinger ganz wenige, die sichtbar sind.

Robert Bauer: Ja, Marina Koreiman schafft es, im Posthof auftreten zu können, aber da fehlt etwas dazwischen, zwischen dem Posthof, da fällt mir das ganz stark auf. Bei den Musikern weiß ich es nicht. Ich bin immer überrascht, dass der Schlachthof in Wels ist und dass Linz da nichts Vergleichbares hat. Wobei ich jetzt nicht sagen kann … es ist wahrscheinlich nicht sinnvoll, eine Parallelstruktur in Linz aufbauen zu wollen. Aber auch bei den Musikern habe ich das Gefühl, ich glaube, dass mehr Kreativität unterwegs ist, als mir bewusst wird. Was mir noch abgeht und das kann natürlich sein, dass ich zu alt bin, aber ich finde es extrem schwierig, draufzukommen, was in Linz los ist. Es mag sein, dass das alles auf irgendwelchen Webcommunities kommuniziert wird, wo ich nicht dabei bin, aber mir fehlt so etwas wie das Wienprogramm vom Falter. Ich habe spotsZ abonniert gehabt, aber das habe ich wieder abbestellt, weil wenn das Mitte des Monats einmal daherkommt … es war eh schon das Veranstaltungsprogramm unvollständig. Aber mich hat es am meisten interessiert wegen dem Veranstaltungsprogramm, weil ich halt das Gefühl hatte, die haben einen Fokus auf die Sachen, die mich auch interessieren. Aber das Problem, das ich hatte, wenn das regelmäßig in der Mitte des Monats daherkommt, dann habe ich nicht viel davon.

Gibt es mittlerweile nicht mehr.

Robert Bauer: Das tut mir leid. Aber ich habe wahrscheinlich auch mit dazu beigetragen, dass es das nicht mehr gibt. Aber es ist auch nicht professionell genug gemacht gewesen, weil wenn ich schon ein Veranstaltungsprogramm habe, dann muss ich das Mitte des Vormonats verschicken oder zumindest in der letzten Woche des Vormonats und nicht erst, damit ich nachschauen kann, was ich alles versäumt habe. Aber ich finde, dass solche Infrastrukturen abgehen, die es dann den Jungen ermöglichen würden, sichtbar zu werden. Ich bin sicher, es gibt eine Menge Kreativität, weil ich gehe dann ins OK und rede dort mit den Leuten, die Führungen machen oder die beaufsichtigen, dass keiner etwas kaputt macht, und da sind irrsinnig kreative Leute, die mir erzählen, sie machen dort und dort etwas und da haben sie wieder ein Konzert. Aber für mich ist der Aufwand, das herauszufinden, zu groß. Ich bin sicher, ich würde in mehrere solche experimentellere Sachen gehen. Ich habe kein Problem damit, wenn es wirklich experimentell ist, dass ich zwei Sachen sehe, die ich katastrophal finde, dafür dass ich eins sehe, das genial ist. Wenn man sich zeitgenössische Sachen anschaut, wenn ich in die Oper gehe und mir ein 100 Jahre altes Stück anhöre, da weiß ich dann, was 100 Jahre überstanden hat, hat ein gewisses Grundqualitätsniveau. Aber das ist das, was ich vermisse. Ich habe das Gefühl, es gibt mehr Kreativität als kommuniziert wird, sichtbar ist, also ich habe das Gefühl, ich würde mehr gehen, wenn ich einen besseren Zugang hätte. Das ist schon wieder so ein Infrastrukturthema, weil so etwas könnte man mit einem vernünftigen Aufwand nachhelfen. Aber ich habe einmal mit der Stadtkommunikation gesprochen und dort wird sagt, wir posten es ja, wenn sie es uns sagen. Das ist natürlich zu wenig aktiv, zu wenig offensiv. Was wir schon gesagt haben, das Problem der Absolventen der Kunstuniversität, die dann plötzlich zu Werkstätten oder Infrastruktur keinen Zugang mehr haben. Ich glaube, da wäre auch ein Potenzial für Junge, wenn man das verbessert. Dass ich zum Beispiel ein Fördersystem andenken würde, das die Grundfinanzierung für etablierte Einrichtungen reduziert und dafür eine Projektfinanzierung mit Overheadkosten macht. Wenn du nur eine Projektfinanzierung machst, dann entstehen ja immer Kosten für die Institution, die das durchführt. Das heißt, wenn die viele Projekte macht, die Projekte aber knapp kalkuliert sind, dann beschädigst du eigentlich die Institution, die viele Projekte macht, weil da fallen zusätzliche Kosten an, denen sie nicht standhalten. Umgekehrt, wenn alles über Grundfinanzierung ist, dann schaffst du einen Anreiz, zu verhindern, dass wer anderer noch eine Grundfinanzierung bekommt. Während wenn man es so kombinieren würde, zum Beispiel in der Forschung gibt es das, dass ich zwar eine Projektfinanzierung mache, aber wenn ich es mit einer etablierten Institution beispielsweise mache, dann kann ich einen Overhead hineinrechnen, dann hätte die Institution, jetzt stelle ich mir die Stadtwerkstatt vor, ein Interesse zu schauen, wo gibt es coole, junge Leute, mit denen wir etwas gemeinsam machen können, weil dann können wir Overheadkosten hineinrechnen, unsere Infrastruktur rechnet sich und gleichzeitig hätten die Jungen eine Möglichkeit, mit schon etwas Etablierteren zusammenzuarbeiten, was, glaube ich, auch nicht schadet. Das wäre für mich auch eine Frage von Nachwuchsförderung. Das jetzige System, glaube ich, schafft innerhalb der Freien Szene keine Anreize, dass die Etablierten Ausschau halten, wer von den Jungen ist gut? Ich glaube, so etwas würde es brauchen. Also der Vizebürgermeister und Stadtrat für Kultur kann nicht der Trendscout sein, aber die KAPU oder die Stadtwerkstatt sind so nahe dran, die könnten Trendscouts sein und ich denke, die Politik müsste ein System schaffen, das Anreize bietet, dass die Etablierten verstärkt Ausschau halten nach den kreativen Jungen.

Sklerotische Strukturen nennt man das in der Organisationssoziologie.

Robert Bauer: Ich will das nicht abschaffen, das wäre der falsche Schritt, weil es einfach ist, nur hinzuhauen. Aber Anreize zu schaffen, dass die ihr Potenzial auch selber wieder stärker ausleben können.

Es gibt ja zwei Bewegungen, wenn es um Stadt- und Kulturentwicklung geht, die man verhindern bzw. stärken möchte. Das ist zum einen die Abwanderung von kreativem Potenzial, zum anderen das Anziehen von kreativem Potenzial. Welche Maßnahmen sollte die Stadt treffen, um diese Bewegungen in diesem Bereich zu verhindern oder zu stärken?

Robert Bauer: Ich muss gleich vorwegschicken. Ich glaube, man muss schauen, dass man einen Austausch zusammenbringt. Ich glaube nicht, dass man der Kunst etwas Gutes tut, wenn man verhindert, dass unsere Absolventen woanders hingehen und die Stadt oder Landesgrenzen nicht überschreiten. Das halte ich für völlig verfehlt. Ich glaube, Kunst muss sich global bewegen, man muss etwas anderes sehen. Aber natürlich muss ich Anreize schaffen, dass Leute wieder herkommen. Ich glaube, dass viele Dinge, von denen wir gesprochen haben, wichtig sind. Ich glaube auch, dass das Branding der Stadt wichtig ist, dass Leute herkommen. Über das Abwandern müssen wir uns, glaube ich, keine Gedanken machen, das funktioniert eh, vielleicht zu gut. Wenn du schaust, kaum hat jemand ein bisschen Erfolg, ist er in Wien.

Ich kann die Maßnahmen aufzählen, welche die Stadt setzt, die in diese Richtung zielen. Das sind einzelne, kleine Förderprogramme wie LinzEXPOrt, LinzIMpORT, das Salzamt mit einigen Atelierplätzen, die geschaffen werden und das eine oder andere Stipendium. Die Leute wandern sowieso ab, das wirst du nicht verhindern können, nicht in der Breite verhindern können, aber es geht ja auch darum, dass sie den Bezug nicht verlieren, dass sie als zweite Basis immer die Stadt haben, was die eine Bewegung betrifft. Es gibt genügend, die nach Wien abwandern, wie du sagst, und setzen dann dort Impulse, aber wenn sie einen Teil der Impulse auch in dieser Stadt setzten, weil das ihre zweite Basis ist, ist das doch ganz etwas anderes, oder?

Robert Bauer: Ich habe ja einen starken Fokus auf diese Schlüsselkräfte, also den talentierten Leuten einen Anreiz zu bieten, egal ob das jetzt in Innovationsbereichen in der Wirtschaft ist oder im Kunstbereich. Ich denke eigentlich ganz stark den kulturellen Sektor immer so, dass der einen Beitrag leisten soll, dass die Stadt so attraktiv ist, dass kulturell interessierte, kreative Leute wieder herkommen. Und ich glaube, dass Stadtimage schon extrem wichtig ist. Ich finde zum Beispiel – das Wort Katastrophe ist vielleicht stark gewählt, aber trotzdem, ich glaube es passt – wenn ich mir anschaue, wie es Graz geschafft hat, sich als Designstadt zu branden, keine wirkliche Kunstuniversität dafür hat, die industrielle Nachfrage auch nicht im oberösterreichischen Ausmaß hat, also eigentlich die Traditionen auch nicht hat … also ich habe das Gefühl, Linz hatte viel bessere Karten zum Thema Design, aber der Zuzug designinteressierter junger Leute wird nach Linz nicht stattfinden, wenn sich Graz als die Designstadt brandet. Ich glaube schon, wenn es um den Zuzug von außen geht, dass Image extrem wichtig ist, und dass man da etwas tun muss, dass eine Sichtbarkeit entsteht. Jetzt sind wir wieder bei der strategischen Positionierung. Bei diesen Import-, Export-Förderschienen habe ich den starken Kritikpunkt, dass mir die viel zu lokal besetzt sind, die Jurys, das ist immer nur eine Linzinterne Angelegenheit. Ich weiß, dass man mit beschränkten Budgets nicht dieselben internationalen Jurys zusammensetzen kann wie Wien das macht. Aber trotzdem, mir ist das zu lokal, und ich glaube nicht, wenn man alles lokal zusammensetzt, dass das gut ist. Tabakfabrik dasselbe, ich bin da selber betroffen im Aufsichtsrat, mir ist auch der Aufsichtsrat zu lokal besetzt, das tut nicht gut. Und wenn ich einen überregionalen Austausch haben will, dann müsste ich auch in den Austauschgremien entsprechend schon überregionale Leute haben, weil die dann wieder wen kennen und das befördern. Ich würde das ändern, ich glaube das tut der Sache nicht gut, wenn da immer dieselben beieinander sitzen und sich überlegen, wer bekommt es heuer und wem geben wir es nächstes Jahr. Ich habe das auch selber als Jurymitglied erlebt, in Wien, wie unterschiedliche Entscheidungen fallen, wenn eine Jury 80 Prozent international besetzt ist und 20 Prozent lokal, weil ein bisschen lokal ist ganz wichtig, weil du musst ja manches verstehen und die lokalen Jurymitglieder können dann Insiderinformationen geben, die wichtig sind. Im Vergleich 80/20 oder 70/30 im Verhältnis zu einer, die 60/40 lokal besetzt ist, eine völlig andere Qualität der Entscheidung. Weil die Leute zu Recht sagen, wir müssen uns ja rechtfertigen vor unseren Freunden, Kooperationspartnern, weil die ja Geld geben. Das verstehe ich total, aber ich muss ja die Leute von vornherein nicht unter diesen Druck bringen, dass ein Architekt sagen muss, wir können jetzt gar nicht mehr in die Secession gehen, wenn die kein Geld geben. Und es ist ja in Linz dasselbe. Also ich würde da etwas tun, massiv beim Image und ich glaube, dass Ausbildungsinstitutionen auch total wichtig sind. Und dann natürlich, was du sagst, mit der zweiten Basis Leute die erfolgreich waren, zu schauen, dass man auf den Heimatbezug wieder aufsetzt, so wie bei Valie Export, da ist das gelungen, die ist immer wieder noch in Linz präsent und zeigt ihre Linzbezüge. Ich glaube schon, dass Vorbilder wichtig sind, also zu sehen, es gibt Linzer, die sind international erfolgreich, das tut allen anderen gut, zu wissen, wenn die es geschafft haben, warum schaffen wir es nicht?

Nächster Themenbereich. Neue Medien, Freie Medien, Open Source, Open Commons. Im alten Kulturentwicklungsplan sind neue Medien und Technologien als einer der drei Hauptschwerpunkte festgeschrieben. Inwieweit ist deiner Meinung nach die Stadt Linz diesem Schwerpunkt gerecht geworden?

Robert Bauer: Das kommt für mich darauf an, was aus dem Futurelab herauskommt. Das Futurelab finde ich einen sehr interessanten Strukturzugang zu genau dem Thema, um da zu schauen zum Beispiel, wenn man Künstler nach Linz holt, Kooperationen mit Futurelab, da gäbe es wieder interessante Querverbindungen. Also ich finde schon, dass da zu dem Thema etwas passiert ist. Es könnte immer mehr sein. Was diese Open Source und Open Commons anbelangt, das halte ich für extrem interessant. Ich bin im Detail nicht an vorderster Front informiert. Da gibt es eine Studie von Pomberger und eine Initiative in der Stadt. Das ist zum Beispiel viel zu wenig bekannt, dass die Stadt Linz eigentlich Webspace zur Verfügung stellt. Ich habe das meiner Tochter einmal gesagt und das war dann auch zu kompliziert, dass sie herausfindet, wie das wirklich geht. Ich weiß nicht, ob sie dann angerufen hat oder nicht. Aber eigentlich finde ich, das sind total interessante Geschichten. Ich finde ja, wir sollten überhaupt alle unsere privaten Netze aufmachen. Stell dir vor, wenn in Linz alle ihre Passwörter wegtun von den Wireless Points, wir hätten sofort einen einzigen HotSpot, wo ich mir denke, das wären eigentlich interessante Initiativen. Das wäre die Klangwolke neu. Nicht die Webserver, nur den Zugang zum Wireless. Also wenn ich mein Passwort weggebe, kann ja niemand auf meinen Computer deshalb, ich meine nur, dass mein Nachbar mein Wireless benutzen kann oder jeder der auf der Straße vorbeigeht. Mein Wireless geht bis 40 Meter auf die andere Straßenseite hinüber. Das wäre ein interessantes Experiment. Das würde natürlich Marktthemen hochspülen, da werden sich Firmen aufregen, aber ich denke, das sind Themen, da müsste man sich auseinandersetzen damit.

Du hast Open Commons angesprochen, inwieweit ist dir die Initiative der Stadt dazu bekannt?

Robert Bauer: Viel zu wenig. Ich weiß zwar, dass es das gibt und ich finde es grundsätzlich gut, aber das ist genau das, was ich gerade sagen wollte. Ich weiß eigentlich nicht, was der aktuellste Stand ist, aber grundsätzlich finde ich es total interessant, ein super Thema. Und ich finde es toll, dass sich die Stadt da engagiert. Das ist eine junge Gruppe, talentierte Leute, die das gepusht haben, das ist eh nicht aus dem Establishment gekommen. Freie Medien, das finde ich auch total interessant. So etwas wie dorf tv, Radio FRO, da kann man natürlich auch immer sagen, das sollte noch mehr und noch besser sein, aber das finde ich grundsätzlich ganz interessant.

Wir haben freies Fernsehen mit dorf tv, wir haben freies Radio mit Radio FRO, wir haben freie Internetinitiativen wie servus.at. Ist das genug für eine Stadt wie Linz?

Robert Bauer: Viel ist es nicht. Mein Bild ist auch, freie Monopole sind Monopole. Also wirklich lustig wird es, wenn du zwei oder drei von einer Sorte hast. Dann, glaube ich, kommt eine Dynamik in Gang. Wenn ich jetzt bei der aktuellen Nostalgie beim Stahlstadtrock oder -pop bin, wenn es da nicht ein paar Bands gegeben hätte, wenn nur Willi Warma ein Monopol gehabt hätten, würden wir heute keinen Nostalgieband darüber drucken können. Aber ich kann nicht sagen, in Kirchdorf gibt es eine ganz interessante Initiative, ich bin zu wenig informiert, ich kann zu wenig sagen, warum da nicht mehr Vielfalt entsteht. Wie gesagt, ich bin da zu wenig im Detail informiert zu dem Thema, aber grundsätzlich halte ich das für extrem wichtig. Ich unterstütze das auch, wir machen an der Universität Open-Content-Geschichten, wir machen jetzt einen Kurs, wo wir Vorlesungen verfilmen und das stellen wir als Open Content zur Verfügung. Ich finde das grundsätzlich total interessant. Da hat das MIT, finde ich, absolute Pionierarbeit geleistet, dass du dir da die Kursunterlagen herunterladen kannst. Ich glaube, Wissen darf man nicht zu sehr regulieren. Ich verstehe schon, dass es einen Anreiz geben soll, zu innovieren, und wenn jemand viel investiert, das irgendwie zurückkommen muss, aber ich glaube, geistiges Eigentum kann man sehr schnell übertreiben.

Nächster Themenbereich. Publikum, Zielgruppen, altersspezifische Kulturangebote. Die Kulturpolitik in Linz ist seit vielen Jahren durch das Schlagwort “Kultur für Alle” geprägt. Inwieweit denkst du, dass die Stadt Linz diesem Anspruch gerecht wird? Und denkst du, dass das als Schlagwort mittlerweile überholt ist?

Robert Bauer: Ich kann nur das sagen, was wir in der Tabakfabrikstudie schon geschrieben haben. Ich denke, mir geht es jetzt nicht um das Wording, aber ich glaube, es ginge schon um ein Umdenken von einer Kultur für Alle zu einer Kreativität von Allen. Open Commons ist genau so etwas, Webzugänge fördern, Webfähigkeiten fördern, das ginge genau in die Richtung. Ich glaube, es braucht schon eine Breite, aber das Pflasterspektakel hat für mich zu wenig emanzipatorischen Anspruch. Also das Pflasterspektakel ist total nett, das gebe ich zu, aber für mich muss Kunst ein bisschen kantiger sein, aufregen, nachdenken, man kann nicht nur konsumieren. Insofern ist für mich der Ansatz von Kultur für Alle, wenn ich den jetzt festmache an der Klangwolke und am Pflasterspektakel, nicht mehr zeitgemäß. Er muss, glaube ich, erneuert werden, und ich glaube, die Erneuerung ist auch dahingehend, wir haben durch die Neuen Medien so viele Möglichkeiten, dass Leute ihre Kreativität sehr schnell einbringen, über YouTube und sonst was, und ich glaube, man müsste auf das aufsetzen, dass irre kreative Potenziale da sind, und auch Infrastruktur, die es noch nie gegeben hat. Wenn ich mir überlege, meine Tochter hat einen iMac, das ist ein Wahnsinn, was das Ding kann, die kann Filme schneiden, Videos schneiden und da gibt es Kreativität, wo ich das Gefühl habe, wenn man die anzapfen könnte, sichtbarer machen könnte, das finde ich wichtiger als den jetzigen Zugang, in die Breite zu gehen. Also ich halte nichts davon, dass man nur Hochkultur fördert. Aber das Pflasterspektakel hat, glaube ich, seine Zeit gehabt, es kann nicht mehr ein Hauptakzent sein.

Wie würdest du eine stärkere Fokussierung von kulturellen Angeboten auf einzelne Zielgruppen beurteilen, auch wenn dies unter Umständen auf Kosten anderer Zielgruppen geht? Zum Beispiel verstärkt Kunst und Kultur für Kinder und Jugendliche, auch wenn es zu Lasten der Erwachsenen oder der älteren Generation geht? Oder angesichts des demografischen Wandels verstärkt auf ältere und alte Menschen zu schauen und dort Kunst- und Kulturangebote hinzulenken, auch wenn es zu Lasten von Kindern und Jugendlichen geht?

Robert Bauer: Also ich kann das nur auf einer hohen Abstraktionsebene beantworten, weil da bin ich in der Kulturpolitik zu wenig drinnen. Aber auf der hohen Abstraktionsebene ist meine Antwort “Ja”. Ich glaube, die Durchschnittsstrategien funktionieren nicht mehr, das geht einfach nicht mehr. Eigentlich hat das in den 1990er-Jahren angefangen, das alles viel präziser wird. Es funktioniert auch für die Firmen nicht mehr. Sogar das Zielgruppenkonzept verliert für viele Bereiche an Bedeutung. Manche gehen so weit, zu sagen, unsere Zielgruppe ist das Individuum und fahren dann mit ihren Datenbanken auf, um Customer-Relationship-Management mit dem einzelnen Endkunden zu betreiben. Für mich ist es ganz klar, ich halte vom Gießkannenprinzip, vom Querbeet nichts, das ist nicht mehr zeitgemäß, ich glaube nicht, dass das funktioniert. Aber ich kann dir jetzt nicht genau sagen, welche Zielgruppen würde ich jetzt angehen. Da bin ich zu wenig drinnen. Aber als Grundprinzip zu sagen, zielgruppenspezifisch zu agieren: “Ja” – auch wenn es zu Lasten anderer Zielgruppen geht.

Ok. Wir sind am Ende angelangt. Willst du noch etwas Wichtiges mitteilen?

Robert Bauer: Wenn euer Bericht vorliegt, gibt es da so etwas wie ein Begutachtungsverfahren?

Nein, das gibt es nicht.

Robert Bauer: Warum schickt man das nicht aus, an die, wo du sagst, die werden eingeladen, mit der Bitte um Stellungnahme?

Weil das zu wohl viel sein würde. Bei einer kommentierten Fassung kann man das überlegen, aber der Vorbericht umfasst zu viele Seiten.

Robert Bauer: Ich würde das mindestens den Leuten schicken, die interviewt worden sind. Dann siehst du das Ergebnis und kannst das nochmals dazu in Bezug setzen. Ich glaube, dass mir Intelligenteres einfällt, wenn ich mich mit etwas auseinandersetzen kann: “Da ist jetzt ein erstes Ergebnis. Ist das schon das Ergebnis, das jetzt als Grundlage genommen werden soll oder habt ihr da noch etwas dazu zu sagen?” Es gibt Schnittbereiche, wo ich glaube, dass bei der systematischen Förderung von Kunst- und Kultur organisationale Überlegungen mitzudenken wären. Und ich glaube, dort habe ich am ehesten etwas zu sagen, was dir nicht andere Leute auch sagen. Und zwar sind da zwei Aspekte, die in der Tabakfabrikstudie drinnen sind, die ich gerne erwähnen möchte. Das eine ist, dass ich glaube, wenn man einen Kultursektor entwickelt, dass man Wertschöpfungsketten entwickeln muss. Diese Überlegung, was habe ich gewonnen, wenn ich mehr Atelierräume schaffe? Relativ wenig. Wenn es mir aber gelingt, eine Wertschöpfungskette zu haben von der Ausbildungsinstitution über Atelierräume über eine Galerienszene, über Werkstätten, die noch zugänglich sind, dann schaffe ich wirklich für Künstler die Möglichkeit, dass sie sich positionieren können und ich glaube, das ist etwas, das sehr wenig gesehen wird. Also ob es oft nicht intelligenter wäre, ich sponsere einen Galeristen, dass er in Linz tätig wird, einen international tätigen, der sonst in Linz nicht tätig werden würde, weil sich das nicht rechnet, und damit haben aber ein paar Künstler die Möglichkeit, international präsent zu sein, und sonst habe ich, ich sage es jetzt überzogen, einen sozialen Wohnbau für Künstler, aber es hilft den Künstlern nicht, ihre künstlerische Arbeit sichtbar zu machen und letztendlich auf eigene Füße damit zu kommen. Ein ähnliches Ergebnis war, wie wir über Design gesprochen haben. Die Designer brauchen am wenigsten Platz. Platz gibt es ja, aber sie sagen, was wir brauchen würden, wären Werkstätten nachdem die Ausbildung abgeschlossen ist. Wir bräuchten bessere Zugänge zur Industrie. Das heißt, da gibt es ein Netzwerk Design & Medien, die können hier etwas tun. Was ganz interessant war, dass manche Designer gesagt haben, gebt nicht uns das Geld, gebt es kleinen Gewerbebetrieben. Die sollen sich zusammensiedeln, damit die für uns Prototypen bauen können und wenn wir die kleinen Gewerbebetriebe sponsern, dann haben wir als Designer mehr davon. Die Idee ist, wieder eine Wertschöpfungskette zu haben, von der Ausbildungsinstitution bis zur Vermarktung, wo ich durchgängig schaue, habe ich die gesamte Wertschöpfungskette in der Region, weil sonst wird der Sektor nicht abheben können. Das ist etwas, das ich nochmals herausstreichen wollte, weil das ist ein Aspekt der vielleicht nicht so deutlich auftaucht. Da geht es um die Verknüpfung der verschiedenen Bereiche und ich glaube, da kann man eine Menge Nutzen stiften, wenn man schaut, wo sind diese Ketten unterbrochen? Dort gehe ich mit einer Förderung rein, damit das einmal durchfließt. Ich glaube, dass genug talentierte Leute da sind, und die Nachfrage nach Kunst ist auch da. Das ist das eine, wo ich mir denke, dieses Denken in Wertschöpfungsketten ist ganz wichtig, wenn man sich überlegt, wo gehe ich mit begrenzten Mitteln rein. Und die Mittel im Kulturbereich werden begrenzt bleiben, leider zu eng begrenzt, aber ich sehe nicht, wo sich das in nächster Zeit ändern sollte bei der aktuellen Finanzlage der öffentlichen Haushalte. Das Zweite ist, das ich glaube, dass es ganz enge strategische Schwerpunktsetzungen braucht, was politisch immer ein Problem ist. Ich glaube nicht, dass man damit viel erreicht, wenn man nach dem Gießkannenprinzip verteilt. Gleichzeitig ist es so, dass wenn ich eine enge Schwerpunktsetzung habe, Gefahr laufe, Entwicklungen zu übersehen. Das heißt, mir schwebt eigentlich vor, dass man sagt, ich besetze zwei Themen und ein drittes Thema heißt “Aktuelle Trends”. Ich halte mir einen Teil offen, wo ich sage, wo ist das Aktuellste, Interessanteste, das dann de facto aus der Freien Szene kommt, wo ich im Prinzip einen strategischen Schwerpunkt setze, aber den dann dekonstruiere durch ein Stück, das sehr offen ist. Das ist einmal etwas ganz anderes wie zehn Themen besetzen. Ich bin nicht dafür, dass man zehn Themen besetzt, das schafft man nicht. Aber diese Struktur, so eine Art von strategischem Kulturmanagement, das auf der einen Seite sagt, wo sind die Stärken, die man ausbauen kann, weil recht viel etwas anderes wird einem mit beschränkten Mitteln nicht übrig bleiben und gleichzeitig aber zu sagen, wir brauchen ein bestimmtes Budget, das Trendscouting, Offenheit, Dinge fördert, von denen man auch weiß, die werden wieder verschwinden, aber damit nicht den Anschluss an aktuelle Entwicklungen verliert. Weil das wäre die Gefahr, wenn man sagt, wir tun jetzt nur mehr Medienkunst, dann sind wir eigentlich schon verloren, weil Medienkunst schon nicht mehr aktuell ist, oder schon aktuell ist, aber man sich damit nicht mehr positionieren kann, weil sehr viel Kunst heutzutage Medienkunst ist. Trotzdem glaube ich, es braucht Schwerpunkte, und ich würde, wenn du mich fragst, was kann ich aus der Managementsicht zum Kulturentwicklungsplan sagen, sagen, meine wichtigsten Botschaften sind die zwei Themen. Zu sagen, schaut euch Wertschöpfungsketten an. Kann man Geld gezielt einsetzen, sodass man für das Geld, das man ausgibt, möglichst viel Aktivität stimulieren kann? Und anderseits eine relativ klare, strategische Positionierung, dafür aber ein Stück offen halten, wo man sagt, da gehen wir nur dorthin, wo es das Interessanteste ist. Ich glaube, das sind die zwei Botschaften, wo ich das Gefühl habe, das kommt aus meiner eigentlichen Expertise, da kann ich am meisten beitragen. Bei Kunst- und Kulturthemen gibt es sicher Leute, die wissen das besser, was nicht heißt, das ich nicht gerne was dazu sage. Ich hoffe, dass da etwas dabei ist, was du brauchen kannst. Meine Vermutung wäre, dass die zu den Sachen, die stärker Organisationsbezüge haben, stärker beitragen kann. Was jetzt wirklich die letzten kulturellen Trends sind, das wissen andere besser. Wo ich jederzeit bereit wäre, in den Ring zu steigen, das ist eine Diskussion über den Standort zu führen. Ich glaube, dass es berechtigt ist, zu sagen, das Kunst und Kultur ein Standortfaktor sind, nicht ausschließlich, das verstehe ich schon, dass andere sagen, wie kannst du unsere Kunst instrumentalisieren? Die Kritik akzeptiere ich auch, aber umgekehrt zu sagen, der Sektor hat keine Verantwortung für die Zukunft der Region, das glaube ich nicht. Also ich glaube, dass das ein ganz wichtiger Faktor ist für die Frage, ob da in drei Generationen sich noch etwas abspielt oder nicht. Mich beschäftigt das Thema Stadt und Stadtentwicklung, das beschäftigt mich als Betriebswirt und ich bin erstaunt wie wenig das Leute beschäftigt, weil ich das Gefühl habe, die müssten da viel zentraler drinnen sein.

Danke für das Interview.

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