Siegbert Janko

Geburtsdatum und Geburtsort ?

Siegbert Janko: 30. Jänner 1945, Freistadt.

Und du lebst seit wann in Linz?

Siegbert Janko: Ich bin in Linz in die Mittelschule, Lehrerbildungsanstalt, gegangen und lebe nach einem zehnjährigen Aufenthalt in Wien seit 1976 wieder durchgehend in Linz.

Welche kunst- und kulturbezogenen Aktivitäten übst du derzeit aus?

Siegbert Janko: Ich war lange Jahre Kulturdirektor der Stadt Linz und seit Anfang 2010 in Pension. Ich bin noch Mitglied des Universitätsrates der Kunstuniversität Linz und Vorsitzender des Vereins Presto, dem Förderverein des Brucknerorchesters Linz. Beim Verein der Mühlviertler in Linz bin ich Geschäftsführer . All das sind keine Abendfüllenden oder berufsartigen Aufgaben, sondern Tätigkeiten, die in meiner Freizeit leicht erledigbar sind und ich sehe das als Leistung an der Gesellschaft. Ansonsten bin ich in keinen weiteren Beiräten oder Gremien, außer dass ich in Regensburg in einem Expertengremium bin, das bei der Erarbeitung eines Kulturentwicklungsplanes für die Stadt Regensburg alle Aufgaben der Prozessbegleitung erfüllt.

Und wie würdest du gerne bezeichnet werden, zum Beispiel in einem Endbericht des neuen Kulturentwicklungsplans? Ehemaliger Kulturdirektor der Stadt Linz? Passt das?

Siegbert Janko: Ja, genau.

Der Hauptblock handelt von der kulturellen Entwicklung, Situation und Zukunft von Linz. Ich würde gerne mit einem Assoziationsspiel anfangen. Wenn irgendwo “Kulturstadt Linz” steht, was würdest du frei damit assoziieren?

Siegbert Janko: Zuerst einmal die Entwicklung oder Neuschaffung von kultureller Infrastruktur in den letzten 20 bis 30 Jahren vom Brucknerhaus bis zum im Bau befindlichen Musiktheater. Mit einer Reihe von Infrastrukturinvestitionen, die nachhaltige Impulse oder Innovationen ausgelöst haben wie zum Beispiel das Ars Electronica Center und auch das Lentos. Oder der Wissensturm, den ich für ein ganz wichtiges Projekt halte, um den Anspruch Bildung für Alle einlösen zu können. Lebenslanges Lernen, kulturelle Bildung ist eine Voraussetzung für Kulturkonsum und Teilhabe an Kunst und Kultur.

Was würdest du sagen, ist in der kulturellen Entwicklung der Stadt besonders gut gelaufen in den letzten zehn Jahren? Was fällt dir da als erstes ein?

Siegbert Janko: Na ja, da ist die Schaffung dieser modernen flächendeckenden kulturellen Infrastruktur auch im Vergleich zu anderen europäischen Städten herausragend. Auch die Konzentration von Aufgaben wie die Zusammenführung der Museen der Stadt Linz oder der Stadtbibliotheken und Volkshochschule. Damit ist versucht worden, die Aufgaben in diesen Einrichtungen systematisch weiterzuentwickeln und durchaus auch unter dem Aspekt von Spargedanken möglichst effizient zu erfüllen. Die positiven Auswirkungen dieser Maßnahmen werden erst in einigen Jahren wirklich sichtbar werden. Die zweite Ebene war die intensive Vorbereitung auf die Kulturhauptstadt. Wobei ich den Europäischen Kulturmonat 1998 als ganz wesentlichen Schritt auf dem Weg zur Kulturhauptstadt sehe; das ist in den Diskussionen immer wieder untergegangen. Der Kulturmonat war tatsächlich ein erster Probelauf für die Internationalität der Stadt und ihrer KünstlerInnen – er ist fast ausschließlich von der künstlerischen und kulturellen Szene der Stadt Linz vorbereitet und umgesetzt worden, alle Ideen und Innovationen sind aus dem künstlerischen und kulturellen Potenzial der Stadt gekommen. Das war aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Punkt, auch für ein gemeinsames Verständnis: Was soll denn eine Kulturstadt leisten und was kann sie überhaupt leisten?

Fällt dir sonst noch etwas ein?

Siegbert Janko: Na ja, dass es gelungen ist eine Kulturdiskussion in Linz zu initiieren. Die Kulturdiskussion hat eigentlich erst im Vorfeld zum Kulturmonat 1998 und des Kulturentwicklungsplanes begonnen. Ab diesem Zeitpunkt sind Kultur und die Diskussion über Kultur auf der Tagesordnung der Politik gestanden und auch in der kulturellen Öffentlichkeit. Dadurch ist das Bewusstsein gewachsen, dass Kunst und Kultur ganz wichtige Bestandteile der Stadtentwicklung sind. Rückblickend glaube ich, dass diese breite Diskussion ganz entscheidend war, weil dadurch die Bereitschaft, hinter kulturellen Projekten zu stehen, eine hohe Qualität gewonnen hat. In der Zwischenzeit steht außer Streit steht, dass Kunst und Kultur wichtige Aspekte der Stadtentwicklung sind.

Wenn wir uns die andere Seite der Medaille ansehen: Mit welchen kulturellen Entwicklungen der letzten zehn Jahre bist du überhaupt nicht zufrieden?

Siegbert Janko: Es ist aber noch immer nicht gelungen, dass zeitgenössische Kunst einen wirklichen Stellenwert in der Politik und in der Gesellschaft hat. Das ist nach wie vor quasi ein Bereich, wo Restmittel eingesetzt werden, um das einmal ein bisschen zugespitzt zu sagen. Natürlich gibt es ein durchaus beachtliches Kulturbudget sowie Kunst- und Kulturförderung, es werden auch Initiativen und Experimente gefördert. Aber im Wesentlichen sind die Mittel, die für Kultur zur Verfügung an die kulturellen Institutionen gebunden und für Experimente, für Neues, für Innovationen können dann nur jene Mittel verwendet werden, die übrig bleiben. Eine ernsthafte eine Diskussion über eine andere Verteilung der Mittel ist nie ernsthaft möglich gewesen ; das ist auch mir nicht gelungen. Das halte ich für ein großes Manko, dass zeitgenössischen Aktivitäten immer nur Teilbereiche waren.

Wenn wir den Blick kurz über Linz hinaus schweifen lassen, über den Tellerrand blicken und uns andere Städte ansehen. Jetzt nicht die großen Städte wie Wien, das ist vermessen in einem Städtewettbewerb, sondern Innsbruck, Salzburg oder Graz vielleicht. Womit kann deiner Meinung nach Linz im Vergleich zu diesen Städten aus kultureller Perspektive punkten?

Siegbert Janko: Ich glaube, in Graz war zumindest lange Zeit der steirische herbst wirklich ein wesentlicher Impuls und Motor für zeitgenössische Kunst, der aber seine Impulsgebende Rolle total verloren hat. Parallel dazu kann man sagen, dass Linz sehr stark gewonnen hat, natürlich durch das Festival Ars Electronica. Ein zweiter Bereich, der für das eigenständige Linzer Profil steht, ist Kultur für Alle. Die Versuche, die in Linz immer wieder gemacht worden sind, um Chancengleichheit auch in der Kultur zu schaffen. Zugänge zur Kultur auch für Menschen zu schaffen, die nicht unbedingt zu den klassischen Besuchern von Kunst- und Kultureinrichtungen gehören. Ich glaube, dass in Linz die Möglichkeiten und Rahmenbedingungen, künstlerische Experimente zu realisieren, immer besser waren als in den anderen österreichischen Landeshauptstädten und durchaus auch in der breiten Bevölkerung eine höher Akzeptanz vorhanden ist.

Inwieweit wird Linz deiner Meinung nach international als Kulturstadt wahrgenommen? Und wie weit reicht diese Wahrnehmung?

Siegbert Janko: In Expertenkreise relativ stark. Die Entwicklung von der klassischen Industriestadt zu einer zeitgenössischen Kultur- und Industriestadt ist in Fachkreisen sehr stark als eigenständiger, modellhafter Weg wahrgenommen worden. Darüber hinaus, in einer breiten Bevölkerung, glaube ich das nicht. Da ist im Umkreis von 200 bis 300 Kilometer ein Bild entstanden, dass Linz eine lebendige Stadt ist, in der viel los ist. Das hängt sicher ganz stark mit der Ars Electronica, der Klangwolke und mit dem Pflasterspektakel und natürlich mit der Europäischen Kulturhauptstadt 2009 zusammen.

Ein wichtiger Schritt für die verstärkte internationale Wahrnehmung war die Vorbereitung und Durchführung des Kulturhauptstadtjahres. Wenn du ein kurzes Resümee von Linz09 anhand von höchstens drei Punkten geben müsstest, was würde dir da in den Sinn kommen?

Siegbert Janko: Linz09 war wirklich ein Projekt, das ganz wesentliche Impulse für die Entwicklung der Stadt gesetzt hat. Da rechne ich nicht nur das Jahr 2009 dazu, sondern auch die Vorbereitungen und die Diskussionen zur Vorbereitung. Ich glaube, was ich vorher gesagt habe, diese Frage, dass Kultur ein ganz wesentlicher Aspekt von Stadtentwicklung ist, hat im Kulturhauptstadtjahr den Höhepunkt gefunden. Für jeden wurde klar, Linz ist eine Stadt, die das Potenzial hat, so ein großes Ereignis zu stemmen. Das ist, glaube ich, ein ganz ein zentraler Punkt, dessen Auswirkungen erst in den nächsten Jahren sichtbar werden, ein wesentlicher Aspekt der Nachhaltigkeit. Das zweite ist, dass das auch für die Menschen genauso klar geworden ist und damit auch eine Stärkung des Selbstbewusstseins verbunden ist. Viele Menschen haben an Kulturprojekten teilgenommen, die vorher kaum bei irgendwelchen Kulturveranstaltungen waren. Da glaube ich, dass diese Neugierde bleiben wird, dass Menschen für sich selbst die Teilhabe an Kultur als Teil ihrer eigenen Identität und ihres eigenen Lebens wahrgenommen haben. Der dritte Punkt ist, dass anlässlich 2009 enorme Investitionen in kulturelle Infrastruktur getätigt wurden, die sonst nicht oder noch nicht getätigt worden wären. Es ist quasi das Haus Linz herausgeputzt worden und ist jetzt einmal für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre auf einem viel höheren Qualitätslevel als es vorher war. Die Stadt hat für sich selber eine andere Rolle gefunden, eine neue Identität. Das lässt sich natürlich nicht messen, auch nicht in Besucherzahlen, aber ich bin mir sicher, dass damit ein ganz neues, internationaleres Bewusstsein in der Stadt insgesamt eingekehrt ist. Ich bedaure allerdings, dass nicht alle Kultureinrichtungen diese Chance genutzt haben, sich weiterzuentwickeln.

Weg von Linz09 und hin zu Fragen, die mit strukturellen Merkmalen im Kunst- und Kulturbereich in Linz zu tun haben. Wie schätzt du den Stellenwert von Hochkultur zu Subkultur zu Volkskultur in Linz ein?

Siegbert Janko: Da muss man jetzt trennen. Volkskultur ist aus meiner Wahrnehmung in Linz überhaupt außen vor, das wird kaum wahrgenommen und ich glaube, sie hat im urbanen Raum auch wenig Chancen. Das Verhältnis von Hochkultur zur Subkultur ist davon bestimmt, dass sich die Hochkulturinstitutionen sehr stark auf ihre klassischen Aufgabe konzentrieren und vorhandene Potenziale und Kapazitäten im Bereich der Freien Szene und Subkultur wenig wahrnehmen bzw. nutzen. Diese Wechselwirkung, die aus meiner Sicht ein Ergebnis der Kulturhauptstadt hätte sein müssen, ist aus meiner Sicht viel zu wenig wirksam geworden. Da stelle ich auch fest, dass diese Wechselwirkung und Vernetzung zwischen allen künstlerischen und kulturellen Gruppen und Institutionen weder durch die Kulturhauptstadt noch durch den Kulturentwicklungsplan wirklich ausreichend entwickelt werden konnte. Das sehe ich als wichtige Aufgabe und Zielsetzung für einen neuen Kulturentwicklungsplan.

Wenn wir uns den Disziplinen zuwenden, bildende Kunst, Grafik, Malerei, Film, Fotografie, Musik, Literatur, Tanz, Theater, experimentelle Formen, was es auch immer ist? Wo hast du dir in den letzten Monaten oder Jahren gedacht, da wäre noch Potenzial in der Stadt vorhanden, es würde zur Stadt passen, man müsste gar nicht mehr so viel tun, um das zu entwickeln, es liegt auf der Hand, diese Disziplin zu entwickeln?

Siegbert Janko: Da ist einmal Tanz und Theater. Da glaube ich, dass da einiges an Potenzial da ist, viele Initiativen, Künstlerkollektive, von Posthof bis hin zum Phönix. Da wäre noch sehr viel Entwicklungspotenzial drinnen, was zu Linz auch sehr gut passen würde, auch mit der Bruckneruniversität. Ein zweiter Teil ist sicher der ganze Bereich Ars Electronica und Future Lab verbunden mit wissenschaftlicher Forschung und Lehrangeboten in den Bereichen, Kunst, Technologie und Gesellschaft. Der dritte Bereich ist Kultur für Alle im Sinne von Chancengleichheit beim Zugang zu Kunst und Kultur, Chancengerechtigkeit. Da glaube ich, dass Linz dieses kulturpolitische Konzept weiter entwickeln sollte, durch weitere Öffnung, durch neue Modelle der Kunst- und Kulturvermittlung und der Einbindung von MigrantInnen und anderen Gruppen von Außenseitern. Da stellt sich eine ganz besondere Aufgabe und Herausforderung für die Kulturinstitutionen.

Da steckt viel drinnen, das Migrationsthema spielt eine Rolle, also ein interkulturelles Thema spielt dabei eine Rolle, Toleranz spielt eine Rolle, Beteiligung spielt eine Rolle, also die Beteiligung von benachteiligten Menschengruppen, aber auch von Institutionen. Alles unter den Schlagworten Offenheit, Toleranz, Partizipation. Wenn man das irgendwo groß stehen hat, braucht es dann ein Schlagwort wie “Kultur für Alle” eigentlich noch?

Siegbert Janko: Ich sehe Kultur für Alle als Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit beim Zugang zu Kunst und Kultur. Das hat viele Aspekte. Ich bin kein Illusionist und glaube nicht, dass jetzt alle Linzer in eine zeitgenössische Ausstellung gehen werden. Ich sehe es aber für eine Stadt, in der Kultur für Alle immer eine prägende kulturpolitische Zielsetzung und Haltung war als Chance und Verpflichtung, dieses Konzept weiterzuentwickeln und neue Modelle für eine neue Gesellschaft zu entwickeln. Wenn wir wissen, dass herkömmliche Kulturangebote und Kulturinstitutionen maximal zehn Prozent der Bevölkerung erreichen, dann ist es eine Verpflichtung, immer wieder nach Modellen zu suche, mit denen mehr Menschen erreicht werden können. Ich habe auch immer gesagt, wenn es gelänge über die Kulturhauptstadt von diesen zehn Prozent auf 20 oder 25 Prozent Neugierige, Interessierte zu kommen, dann wäre das ein toller Erfolg von Nachhaltigkeit.

Und was noch? Was wäre ein weiteres Thema, das du beim neuen Kulturentwicklungsplan unbedingt diskutieren würdest?

Siegbert Janko: Ich wiederhole, dass immer wieder betont werden muss, dass Kunst und Kultur wesentliche Säulen einer lebenswerten, einer modernen Stadt, einer zukunftsfähigen Stadt sind und daher auch gleichwertig mit andern Politfeldern stehen müssen. Daran knüpfe ich die Vision einer offenen, toleranten, Gesellschaft. Wir brauchen eine neuen Kulturentwicklungsplan und eine Kulturdiskussion, um das Denken und Handeln zu fokussieren auf diese enorme Bedeutung von Kunst und Kultur für die weitere Entwicklung unserer Stadt.

Zu den einzelnen Themenbereichen. Zuerst zu Interkulturalität, Migration und Integration. Wie schätzt du die Entwicklung der migrantischen Kulturarbeit in Linz in den letzten Jahren ein?

Siegbert Janko: Es hat eine ganze Reihe von Initiativen gegeben, die ich sehr positiv einschätze. Das Problem ist aber, dass unsere Kulturangebote in dieser Bevölkerungsgruppe noch weniger Interessenten finden, als in der übrigen Bevölkerung. Aus dem Grund muss man sich da völlig neue Wege einfallen lassen, aber wir wissen, dass das sehr viel Engagement und einen langen Atem erfordert.

Es hat sich in den letzten Jahren einiges getan in migrantischen Verbänden, Vereinen und Initiativen in Zusammenhang mit Kunst und Kultur, von maiz angefangen über ungarische oder bulgarische Kulturvereine, türkische oder kurdische Kulturvereine, aus dem ehemaligen Jugoslawien und so weiter und so fort. Mit welchen besonderen Problemen, denkst du, haben die zu kämpfen?

Siegbert Janko: Generell haben die MigrantInnen in der Gesellschaft eine Außenseiterrolle und wenig Akzeptanz. Ebenso natürlich die Gruppen und Vereine, die sich in diesen Fragen engagieren. Ich glaube, dass es ein ganz wichtiger Punkt wäre, dass die bestehenden Institutionen versuchen, durch spezifische Aktivitäten die MigrantInnen als Gesamtheit zu erreichen, in kleinen Gruppen, also in mühsamer Gemeinwesenarbeit. Wir wissen, dass das ein ganz ein schwieriger Weg ist, da müssen sich die klassischen Kulturgruppen und -einrichtungen sehr, sehr viel überlegen und es müssen dafür ausreichend Ressourcen zur Verfügung gestellt werden. Es hat im ersten Entwurf des Kulturentwicklungsplanes eine Forderung gegeben, dass man in jedem Volkshaus, in jedem Stadtteil, inhaltliche Verantwortliche für das Volkshaus installiert, der/die im Stadtteil versuchen sollen, Aktivierungsarbeit zu leisten. Vielleicht wäre das auch mit Modellen der Freiwilligenarbeit beispielsweise von SeniorInnen machbar.

Was mich auch interessieren würde, ist die Vernetzung, die Verbindungen zwischen diesen Kulturinitiativen und -einrichtungen in Linz. Wie schätzt du das ein? Zum einen die Verbindung zwischen migrantischen Kultureinrichtungen in Linz und zum anderen zwischen migrantischen Kultureinrichtungen und Einrichtungen, die nicht aus dem migrantischen Bereich kommen. Was ist dir da aufgefallen in den letzten Jahren?

Siegbert Janko: Relativ viele Initiativen sind immer wieder vom Büro Linz Kultur oder vom Wissensturm ausgegangen. Da hat es durchaus den Versuch gegeben, immer wieder systematische Netzwerke zu knüpfen. Oder die vielen Initiativen des Integrationsbüros der Stadt. Diese Initiativen waren/sind alle – aus meiner Sicht – mit zu wenigen Ressourcen ausgestattet, weil das halt so eine mühsame, personalintensive Arbeit ist. Das lässt sich nicht mit irgendwelchen Modellen, mit irgendwelchen Formaten erledigen, das ist eine ganz mühsame Arbeit, quasi face to face. Du musst zu den Leuten hinausgehen, das gilt für MigrantInnen genauso wie für andere AußenseiterInnen.

Welche Maßnahmen würden dir sonst noch einfallen um Interkulturalität in Linz zu fördern? Drei Punkte lese ich bislang heraus, das eine geht in Richtung pro-aktive Gemeinwesenarbeit in den Stadtteilen, das zweite sind Ressourcen, die Ausstattung mit Ressourcen und das dritte, was du vorher gesagt hast, hat mit der Öffnung der städtischen Einrichtungen zu tun.

Siegbert Janko: Die wesentlichen Bereiche sind Kindergarten, Schule und dann Erwachsenenbildung. Da geschieht auch, glaube ich, jetzt am meisten, da wird ein notweniger Nachholbedarf erfüllt, wobei ich auch da nicht sicher bin, ob das ausreichend ist. Also ich bin mir sicher, dass eine wesentliche Voraussetzung die Einführung der Gesamtschule ist, um möglichst früh ein gesamtheitliches Bildungsangebot zu haben.

Das bringt uns zum Themenbereich Schule, Bildung, Wissenschaft. Wie sieht es aus mit den Schulen in Linz? Wie schätzt du das Interesse von Schülerinnen und Schülern am bestehenden Kunst- und Kulturangebot in Linz ein? Hat sich da etwas getan in den letzten Jahren, denkst du?

Siegbert Janko: Es gibt eine Reihe von spannende Projekten in und gemeinsam mit Schulen wie die Projekte der Museumspädagogik , “Musikschule goes Brucknerhaus”, “Move on” des Brucknerorchesters oder die Schulprojekte im Kulturhauptstadtjahr um nur einige Beispiele zu nennen. Ich glaube, hier könnte ein neues Arbeitsfeld für Künstler und Kulturschaffende entwickelt werden. Wenn Künstler, Literaten, Musiker oder Bildende Künstler gemeinsam mit Lehrern an Projekten arbeiten entsteht für die Schüler sicher ein spannender, anregender Zugang zu Kunst und Kultur.

Wie sieht es mit dem außerschulischen Bildungsbereich für Kinder und Jugendliche aus? Die zwei größten Bereiche sind Musikschulen und Jugendzentren, aber es gibt natürlich viele andere Angebote auch. Was müsste deiner Meinung nach in Linz getan werden, um dort das Interesse an Kunst und Kultur noch stärker zu fördern?

Siegbert Janko: Da wiederhole ich mich, aber es müssen verstärkt Modelle und Projekte entwickelt werden, bei denen die Menschen dort abgeholt werden, wo sie sind. Von selber werden sie nicht kommen. Da kann man wahrscheinlich schon noch optimieren, die Angebote von Malwerkstätten und die zahlreichen anderen Projekte der Kunst- und Kulturvermittlung. Die Ausweitung der Angebote braucht jedenfalls zusätzliche Personalressourcen. Und da glaube ich, man könnte – da komme ich auf das von vorhin zurück – vorhandene Ressourcen im Freiwilligenbereich mehr nutzen und dadurch eine neue Bewegung für Kunst- und Kulturvermittlung initiieren. Das wäre vielleicht ein Projekt mit interessierten SeniorInnen, die einen halben Tag in der Woche in eine Schule gehen, um Vermittlungsarbeit zu leisten oder mit einer Gruppe MigrantInnen in ein Museum gehen.

Du hast schon ein paar Maßnahmen angesprochen, die den Erwachsenenbildungsbereich betreffen, also jenen Bereich von Arbeiterkammer oder Gewerkschaftsbund über die Volkshochschulen bis hin zu den Bildungshäusern- und Zentren. Fällt dir da noch etwas dazu ein? Du hast zwei Sachen gesagt. Das erste war, diesen Zugang auch für bildungsfernere Schichten zu schaffen, gerade im Kunst- und Kulturzusammenhang für MigrantInnen und für benachteiligte Gruppen da den Zugang zu schaffen und das zweite war, zu den Leuten verstärkt zu gehen. Was kann man noch machen im Erwachsenenbildungsbereich, um das Interesse an Kunst und Kultur zu fördern?

Siegbert Janko: Ich glaube, es müssten in den Stadtteilen einige größere Bildungs- und Kulturzentren geschaffen werden mit einem attraktiven und vielfältigen Raum- und Veransaltungsangebot. Das wäre durch die Zusammenlegung vorhandener kleinerer Einrichtungen (Zweigstellen der Stadtbibliothek, Volkshochschule, Musikschule) durchaus möglich, damit wäre auch eine Bündelung vorhandener Personalressourcen gegeben. Aufgabe in diesen Aktivitätszentren wäre die Entwicklung von stadtteilspezifischen Projekten, die auf Bedürfnisse der Menschen, auf die Bildungsbedürfnisse, auf die Notwendigkeiten im jeweiligen Stadtteil eingehen. Ich bin überzeugt, es braucht Ressourcen näher bei den Leuten. Es hat Ideen gegeben, ein Seniorenzentrum und ein Kulturzentrum in einem Haus zusammenzuführen oder ein Zentrum, in dem vom Hallenbad über das Volkshaus bis zum Senioren- und Jugendzentrum alles in einem Verband ist, damit auch ein Zusammenführen der Ressourcen, mit Möglichkeiten der Begegnung, mit Möglichkeiten der Aktivierung, mit Möglichkeiten der Partizipation. Schade, dass so ein Modellprojekt nie versucht wurde. Ich bin kein Illusionist, der Einfach neue Gebäude und Personal fordert. Ich will mit diesen Gedanken aufzeigen, dass die Vision Kultur für Alle und Bildung für Alle nur durch neue Ideen, unkonventionelle Zugänge und die Bereitschaft zu Experimenten erreicht werden kann. Ich glaube aber, dass vieles schon durch Vernetzung und Optimierung von vorhandenen Ressourcen erreicht werden könnte.

Letzte Frage in diesem Themenbereich. Welche Maßnahmen sollte die Stadt deiner Meinung nach setzen, um die Verbindungen zwischen dem Wissenschaftsbereich und dem Kunst- und Kulturbereich zu verstärken?

Siegbert Janko: Ein Ziel muss sein, wirklich eine Volluniversität in Linz zu bekommen, wo die Geisteswissenschaften ein zentraler Punkt sind. Die Stadt braucht, glaube ich, diesen wissenschaftlichen, geistigen Überbau, der sich eben nicht nur auf Soziales und Wirtschaft und Technik beschränkt. Eine moderne, eine zukunftsfähige Stadt braucht das gesamte Spektrum geisteswissenschaftlicher Auseinandersetzung und ein geisteswissenschaftliches Lehr- und Wissensangebot und die zugehörige Forschung. Da könnte und sollte der Bereich Kunst, Technologie und Gesellschaft eine Leitlinie für neue geisteswissenschaftliche Disziplinen sein. Die Chancengleichheit im Zugang zur Kultur wird sich auch im Netz abspielen müssen. Da wäre Linz als Stadt der Ars Electronica prädestiniert dafür, etwas Neues zu entwickeln, das vorhandene Potenzial dafür zu nutzen, dieses Neue zu entwickeln.

Ich würde noch auf den letzten Themenbereich eingehen, Kunst- und Kulturvermittlung. Mich würde interessieren, wo dir aufgefallen ist, wo die Qualität der Kunst- und Kulturvermittlung in Linz deiner Meinung nach erhöht werden könnte.

Siegbert Janko: Im ganzen Bereich der Bildenden Kunst, würde ich einmal sagen. Im Bereich der Musik gibt es sehr viel, durch die wirklich toll ausgebauten Musikschulen. Aber im ganzen Bereich der Bildenden Kunst, insbesondere bei den neuen Formen der Auseinandersetzung mit Kunst, mit Materialien, mit den Räumen im Netz , da muss noch viel mehr an Vermittlungsarbeit geschehen. Auch in diesem Bereich könnten in der Stadt der Ars Electronica , neue Modelle für zeitgenössische und zukunftsfähige Kunst- und Kulturvermittlung entwickelt werden.

Wenn man an Formate denkt, was würde dir da vorschweben? Vielleicht hast du auch aus anderen Städten irgendetwas mitgenommen, das muss jetzt nicht auf den Bereich Technologie, neue Kunstformen beschränkt sein. Es gibt oder gab ja auch in Linz einige gute Formate, etwa Vermittlungsformate im Ars Electronica Center oder wenn ich an Linz09 denke, I like to move it move it oder die Kulturlotsinnen. Wo siehst du noch Potenzial bei neuen Formaten der Kunst- und Kulturvermittlung in Linz?

Siegbert Janko: Es sollte jedenfalls möglich sein, die Projekte, die du jetzt alle angesprochen hast, weiter zu entwickeln. Das erfordert Ressourcen, Personalressourcen und natürlich auch finanzielle Ressourcen, aber das muss ich wahrscheinlich machen, damit sich junge Menschen mit diesen neuen Formen der Kunst überhaupt einmal auseinandersetzen können. Ich glaube, es wird nicht funktionieren, wenn wir nicht zu den Leuten gehen. Es gehen viele Leute ins AEC oder in andere Museen, aber das sind immer noch diese 10 Prozent der Kulturinteressierten. Wir schaffen es nicht, dass wir auf 30 Prozent interessierter Menschen kommen, wenn wir nicht zu ihnen hingehen.

Ok, ich glaube, das Wesentliche war bei allen drei Themenbereichen angesprochen. Würdest du noch auf irgendetwas hinweisen wollen, was mit der Erstellung des neuen Kulturentwicklungsplans zu tun hat?

Siegbert Janko: Es sollte jedenfalls, mehr als beim ersten Kulturentwicklungsplan, versucht werden, eine stärkere Verbindlichkeit herzustellen und Instrumentarien der Kontrolle zu schaffen, das heißt beispielsweise klarere Zielvorgaben, Terminsetzungen uam. Die Umsetzung dieser Vorgaben müsste durch eine begleitende Evaluierung und eine periodische Berichtspflicht laufend kontrolliert werden. In den städtische Kulturgesellschaften müssten alle Verpflichtungen aus dem Kulturentwicklungsplan durch einen Beschluss des jeweiligen Aufsichtsrates ebenso Verbindlichkeit bekommen. Weiters glaube ich, dass man große Anstrengungen unternehmen muss, um einerseits wieder eine breite Kulturdiskussion zu initiieren und anderseits auch wieder die Opinion leader dieser Stadt von der Bedeutung eines neuen Kulturentwicklungsplanes zu überzeugen und ein Commitment darüber zu erreichen, dass Kunst- und Kultur wesentliche Grundlagen einer modernen Stadtentwicklung sind-

Danke für das Interview.

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